von:
Cornelia Zetzsche (Hrsg.)
Stilrichtung: Sammelband
Gebundene Ausgabe: 716 Seiten
Verlag: Insel, Frankfurt; Auflage: 1 (8/2006)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3458173145
ISBN-13: 978-3458173144
Rezension von: Inga Matthiesen für Happyindia.de
User Rezension
In Cornelia Zetzsches rund 700 Seiten starken Auswahl
von Gedichten und Prosastücken indischer Autoren kann man sich
als Leser wie in einem Fluss schwimmend durch die verschiedenen Regionen
und Sprachen des vielseitigen und vielschichtigen Landes Indien tragen
lassen. Die sprachlichen Stationen sind: Hindi - Urdu – Gujarati
– Englisch (mit jeweils unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen
Einflüssen) - Marathi - Kannada - Malayalam - Tamil - Telugu
- Bengali – Assamesisch. Die Reise endet abschließend
bei zwei Non Resident Indian (NRI)-Autoren (Anita Desai und Sashi
Tharoor) in den USA.
Zunächst ein paar Zahlen zu dem Buch: In der
Sammlung sind 50 Autoren mit 53 Texten in 11 Sprachen vertreten. Allein
21 der 53 Texte wurden in Englisch geschrieben (Texte der NRIs nicht
mitgerechnet). 6 Texte sind Gedichte, die übrigen 47 sind Prosatexte
(entweder Kurzgeschichten oder Romanauszüge). 12 der Autoren
sind weiblich, 38 sind männlich. Die Geburtsjahre der vertretenen
Autoren liegen zwischen 1861 (Rabindranath Tagore) und 1969 (Ranjit
Hoskoste).
Indien ist zutiefst geprägt von einer Vielfalt
der Religionen. Diese findet sich sowohl in den Texten als auch bei
den Autoren selber wieder: Als Autoren vertreten und/oder als Protagonisten
in den Texten geschildert werden unter anderem Sikhs, Hindus, Moslems,
Parsen, Juden und Christen.
Die Anthologie hat gleich zwei Vorworte erhalten:
Eines ist von der Herausgeberin selbst verfasst. Sie schildert darin
knapp den Hintergrund der Sammlung sowie die Auswahl der aufgeführten
Sprachen und Autoren.
Das zweite Vorwort stammt von dem Lyriker und ehemaligen
Generalsekretär der Sahitya-Literaturakademie K. Satchidanandan,
der auch mit zwei weiteren Beiträgen in der Sammlung vertreten
ist. Er betrachtet und kommentiert in seinem Vorwort etwas ausführlicher
die Entwicklung der postkolonialen Literatur Indiens und den Einfluss
der unterschiedlichen Sprachen darauf.
Beide Texte sind aus meiner Sicht eine hilfreiche
Orientierung beim Einstieg in die moderne indische Literatur und beim
Einordnen der Texte dieser Anthologie. Weitere Hilfestellung erhält
der Leser durch ein jeweils einseitiges Kurzportrait des Autoren,
das jedem Text vorangestellt ist. Dieses enthält neben unterschiedlichen
persönlichen Daten zum Autoren jeweils mindestens einen einleitender
Satz zu dem nachfolgenden Text.
Das den Texten angefügte Glossar hilft bei den
zahlreich in der jeweiligen Originalsprache verwendeten Begriffen.
Oft werden diese erfreulicherweise nicht einfach nur mit einem deutschen
Wort übersetzt, sondern auch näher erklärt und in einen
kulturellen Zusammenhang gestellt.
Der Titel “Zwischen den Welten“ spiegelt
für mich ganz besonders ein unterschiedlich erlebtes Gefühl
der Heimatlosigkeit von Autoren und Protagonisten wieder: Autoren
wie etwa Amitav Gosh, Ranjit Hoskote, Vikram Chandrav oder Sudhir
Kakar pendeln unbeschadet zwischen Indien und dem Rest der Welt hin
und her und lassen diese unterschiedlichen Einflüsse in ihren
Texten miteinander verschmelzen. Für andere wird das Thema der
Heimatlosigkeit durch die Teilung Indiens und dem damit verbundenen
Terror zu einem zentralen Thema, wie etwa bei Keki N. Daruwalla oder
Bhisham Sahni, der beispielsweise mit einem der letzten Züge
aus Rawalpindi nach Delhi floh. Rastlose, auf der Suche nach ihrer
Identität in einem emotionalen Niemandsland herumgeisternde Protagonisten
finden sich etwa in MANTOs “Toba Tek Singh“ oder in ANANDs
“Der Papagei im Käfig“. Es ist zuspüren, wie
tief die Verletzungen aus der Teilung Indiens auch die jüngeren
Autoren noch prägt – schließlich werden die Wunden
auch immer wieder durch Terrorakte und Kriege neu aufgerissen.
Die Themen und Motive in den Texten sind vielschichtig:
es geht um Familienbande, Hochzeits- und Beerdigungsrituale, den täglichen
Umgang mit der Spiritualität, den Konflikt zwischen Großstadt
und Provinz, den Alltag auf der Straße und bei der Arbeit, Konflikte
zwischen den Religionen und Kasten, den Wiederspruch zwischen Bevölkerungsboom
und Vereinsamung, die Angst vor dem drohenden Verlust von Traditionen,
die Suche nach einer (indischen) Identität. Gleichzeitig werden
aber auch Indiens leuchtende Aromen, die Nase und Gaumen kitzeln,
kraftvoll leuchtende Farben, gelebter tiefer Glaube, goldglänzende
Fantasie sowie einfach Liebe und pure Lebensfreude geschildert.
Mich persönlich hat ganz besonders der Text
“Pali“ von Bisham Sahni berührt und noch viele Tage
nach dem Lesen gedanklich begleitet: Darin wird ein kleiner Junge
zum Spielball zwischen den Religionen bzw. zwischen Menschen, die
Religion unter dem Deckmantel der Frömmigkeit für ihre persönliche
Machtposition missbrauchen.
Fazit: Ich empfehle dieses Buch gern weiter, denn
es bietet eine gute erste Orientierung bei der Vielzahl indischer
Autoren und macht Lust auf ein anschließendes Weiterlesen und
Weiterentdecken!
Inga Matthiesen
Rezension online seit 02.04.2007
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