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Tanz der Götter

Autor: Vikram Chandra
Übersetzt von:
Ulrike Seeberger
Stilrichtung:
Roman
Broschiert:
692 Seiten
Verlag: Aufbau-Verlag; Auflage: 2 A (9/2006)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3746622905
ISBN-13: 978-3746622903
Rezension von: Sabine Adatepe für Happyindia.de

 

User Rezension

Große Gestalten des hinduistischen Pantheons im Zimmer eines pensionierten Lehrerehepaars, eine wachsende Menschenmenge auf Hof und Maidan, um den Geschichten zu lauschen, die ein knapp dem Tode entronnener Affe auf der Schreibmaschine tippt, buchstäblich um sein Leben erzählend – klingt fantastisch und wenig glaubhaft. Das dachte auch Abhay, der nach vier Jahren College in den USA seine Eltern in Indien besucht, bevor er selbst Teil der Geschichte wie auch Erzähler von Geschichten wird. Doch was der "Affe" da von sich gibt, ist um einiges fantastischer – und bittere historische Tatsache zugleich. Es ist die Geschichte Indiens im 19. Jahrhundert aus der Sicht des unter mythisch anmutenden Umständen ins Leben getretenen Brahmanensohns Sanjay, der sich vom Träumer und Dichter zum rücksichtslosen Kämpfer wandelt.

Chandra gelingt eine Parodie auf traditionelle orientalische Erzählkunst mit den Mitteln derselben. Fantasiereiche Sprache und flotter Erzählstil lassen die wenigen Längen – wie ausgedehntes Schlachtengetümmel und ewige Überlandfahrten in den USA – gern verschmerzen. Der Roman bietet eine flammende Abrechnung mit der britischen Kolonialherrschaft und zugleich eine brutale, ehrliche Schilderung der zahllosen innerindischen Kämpfe und Meinungsverschiedenheiten. Krimi-Elemente lösen Liebesgeschichten ab, Mystery wechselt mit faktenreicher Dokusoap. Gleich in seinem ersten Roman zieht Chandra sämtliche Register kosmopolitischer Erzählkunst.

Sanjay muss erzählen, sonst nimmt Yama ihn mit, muss packend erzählen, darf sein Publikum keine fünf Minuten langweilen, so die Absprache zwischen Yama, dem Herrscher des Todes, der in unterschiedlichen Gestalten immer wieder im Buch auftaucht und merkwürdig sympathische Züge annimmt, und Hanuman, dem Gott und Schutzherrn der Affen, als Sanjay im Affenkörper zu menschlichem Bewusstsein erwacht, nachdem Abhay ihn zu erschießen versucht hatte. Der Lebensbericht Sanjays und die Amerika-Erlebnisse Abhays sind verbunden durch eine dritte Erzählung aus dem Jetzt. Sie gewinnt zunehmend Eigendynamik, nicht zuletzt durch das patente Mädchen Saira, die viel mehr überzeugt als der heimgekehrte Abhay, der zwischen West und Ost verloren hin- und herschwankt und vielleicht nur durch die Macht von Sanjays Erzählung am Ende doch wieder zu einer Identität als Inder findet.

Ein fesselndes Buch, mit unerwarteten brutalen, grausamen Stellen, doch getragen von dem Wissen um den Fluss des Lebens, auch nach dem Tod und über den Tod hinaus.

Sabine Adatepe
Rezension online seit 29.02.2008

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