von:
Helge Timmerberg
Stilrichtung: Roman
Broschierte Ausgabe: 256 Seiten
Verlag: Rowohlt; Auflage: 3 (8/2006)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3871345415
ISBN-13: 978-3871345418
Rezension von: Vera Schwallbach für Happyindia.de
User Rezension
Helge Timmerbergs Reisebericht ist neben einem Bericht
über Indien vor allem ein Bericht über die lange Reise zu
sich selbst. Der Autor ist fünfzig plus und seit seinem siebzehnten
Lebensjahr schon häufig in Indien gewesen. Bei seiner ersten
Indienreise ist ihm im Ashram die Erkenntnis gekommen, dass Journalist
und Reiseschriftsteller der ideale Beruf für ihn ist. Dieses
Mal hat er sich eine Reise von der Quelle des Ganges im Himalaya zu
seiner Mündung in der Nähe von Kalkutta vorgenommen.
Allerdings schummelt er ganz schön. Okay, zuerst
fährt er per Zug und Taxi nach Gangotri, wandert von dort mit
einem Führer zur Quelle in Gaumukh und reist weiter nach Rishikesh.
Doch dann geht's erst einmal nach Dehli zurück und von da per
Flugzeug nach Benares. und dann von Benares per Flugzeug nach Kalkutta.
Das war 's - nicht wirklich eine Reise den Ganges entlang, nur eine
Stippvisite zu den wesentlichen Punkten.
Der Bericht ist sehr persönlich gehalten, man
trifft mit dem Autor unterwegs die unterschiedlichsten Leute, die
ihm zu interessanten Erlebnissen und Erkenntnissen verhelfen. Jeder,
der schon einmal in Indien war, wird bei der Lektüre des Buches
gelegentlich wissend schmunzeln und sich erinnern, etwas Ähnliches
erlebt zu haben. Die Begegnungen waren auch für mich die Quintessenz
meiner beiden Indienreisen. Mit Bettlern, Heiligen, Wahrsagern, Taxifahrern,
Beamten und anderen Travellers. Und etwas konkreter fand ich mich
während der Lektüre z.B. plötzlich beim Biertrinken
im Garten des Fairlawn Hotels in Kalkutta wieder. Sudder Street, ach
ja, da haben wir damals auch gewohnt, allerdings nicht im Fairlawn
(einer etwas heruntergekommenen Perle aus der Kolonialzeit), sondern
in einer miesen, billigen Absteige … Kalighat, Mother Theresa,
Laufrikschas (im Gegensatz zu Fahrradrikschas, gibt es außer
in Kalkutta nirgends mehr auf der Welt) - da werden Erinnerungen wach.
Der Autor will keinen umfassenden Überblick
geben, es geht ihm hauptsächlich um seine eigenen Reaktionen
und Erinnerungen. Als er mit den Füßen in der Mündung
des Ganges steht, da wo sich Meer- und Flusswasser vermischen, stellt
er plötzlich fest, dass er nicht mehr länger reisen muss,
dass er in Zukunft sesshafter leben möchte - vielleicht sogar
in Kalkutta?
Das Buch vermittelt dennoch, sozusagen beiläufig,
viele Einblicke und viele atmosphärische Eindrücke. Die
folgende Passage fand ich z.B. recht erheiternd:
"Thema Zugkarte: Man kann in Indien nicht
einfach in den Zug steigen und da das Ticket kaufen. Das geht überhaupt
nicht. Man kann aber auch nicht zum Bahnhof gehen, das Ticket erstehen,
noch einen Kaffee trinken und eine rauchen und dann den Zug nehmen.
Man muss auf jeden Fall und mindestens einen Tag vor Reiseantritt
einen Platz reservieren. Man kann aber in Indien nicht einfach an
den Schalter treten und einen Platz reservieren. Die Inder haben von
den Engländern drei Dinge übernommen, behalten und bis ins
Absurde gepflegt: die Angst vor der Sexualität, die Eisenbahn
und die Bürokratie. Um eine Fahrkarte zu kaufen, muss man ein
Formular ausfüllen, das mal ein Visumantrag werden will, wenn
es groß ist. Die Frage nach Vor- und Familienname des Reisenden
hat ja noch Sinn, aber was wollen sie mit dem Namen des Vaters (!)
und mit der Nummer des Passes und mit dessen Ausstellungsdatum und
Gültigkeitsdauer? Weil in Indien Züge auch gern mal mit
einem halben Jahr Verspätung ankommen und dann das Visum abgelaufen
ist? Sicher nicht. Es hat keine praktischen Gründe. Die Hingabe
der Inder an die Bürokratie ist religiöser Natur. Ich kann
es nicht genauer erklären. Es ist nur so ein Gefühl."
Fazit: Das Buch will kein Reiseführer sein,
der einem Tipps und Wissen vermittelt, ist aber sehr gut als Reiselektüre
oder zur Reisenachbereitung geeignet. Und abgesehen von einer gewissen
Besessenheit des Autors mit Haschisch - er versucht immer wieder,
es sich abzugewöhnen - eine sehr unterhaltsame und amüsante
Lektüre. Der umgangssprachliche Schreibstil des Autors liest
sich sehr angenehm und der sehr persönliche Zugang lässt
Indien sehr lebendig werden. Mir hat das Buch sehr viel Spaß
gemacht und viele Erinnerungen wachgerufen.
Vera Schwallbach
Rezension online seit 16.03.2007
|