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Shantaram

Autor: Gregory David Roberts
Übersetzt von:
Sibylle Schmidt
Stilrichtung:
Roman
Gebundene Ausgabe:
1072 Seiten
Verlag: Goldmann (11/2008)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3442311535
ISBN-13: 978-3442311538
Rezension von: Vera Schwallbach für Happyindia.de

 

User Rezension

In seinem autobiographischen Roman, der in den 80er Jahren spielt, schildert Roberts uns sein Leben in Indien, nachdem er aus einem Hochsicherheitsgefängnis in Australien ausgebrochen und nach Indien geflohen ist.

Der Ich-Erzähler, ein ehemaliger Junkie, der mit gefälschtem, neuseeländischen Pass unterwegs ist, nennt sich Lindsay, woraus seine indischen Freunde bald Lin-Baba machen. Direkt nach seiner Ankunft trifft er auf dem Flughafen von Bombay den jungen Inder Prabaker, der sein Freund, Führer und Helfer werden soll. Lin frequentiert regelmäßig das durch diesen Roman weltweit berühmt gewordene Café Leopold's, wo er viele andere in Bombay ansässige Ausländer kennenlernt, u.a. auch die geheimnisvolle Karla, in die er sich Hals über Kopf verliebt.

Irgendwann zieht er in den Slum, in dem sein Freund Prabaker lebt, und richtet bald darauf eine kleine Arztpraxis dort ein, die er mit Hilfe von Kenntnissen aus einem Erste Hilfe-Kurs und von der Mafia gespendeten Medikamenten betreibt. Er wird zu einem wertvollen Mitglied der Gemeinschaft im Slum, lernt sowohl Hindi als auch die einheimische Sprache Bombays, Marathi, vertieft seine Kontakte zu den anderen Ausländern und zu dem Mafia-Don Kader Khan, der zu einer Art Ersatzvater und Guru für ihn wird. Nach einem halbjährigen Intermezzo auf dem Lande, in Prabakers Heimatdorf bei dessen Eltern, zieht er sich aus dem Slum zurück und beginnt, in den verschiedenen Branchen der Mafia-Geschäfte zu arbeiten - Geldwäsche, gefälschte Papiere usw. Im Zuge der Geldwäschegeschäfte kommt er auch in Berührung mit Bollywood, der Hindi-Film-Industrie. Zwischendurch landet er durch einen Verrat in einem sehr harten und brutalen Gefängnis, aus dem er erst nach einem halben Jahr wieder befreit wird und hat nach einer besonders schweren Enttäuschung einen vorübergehenden Rückfall in die Drogensucht. Im letzten Teil zieht er mit Kader Khan, der gebürtiger Afghane ist, und dessen Leuten nach Afghanistan in den Krieg.

Der über 1000 Seiten umfassende Roman ist immer dann besonders gut, wenn er uns das Leben in Indien in seinen verschiedensten Facetten schildert. Ein Kaleidoskop an unterschiedlichsten Personen und Ereignissen zieht an uns vorüber, dessen Aufzählung den Rahmen einer kurzen Inhaltsangabe sprengen würde. Wie der Ich-Erzähler Land und Leute kennenlernt, und was ihm alles zustößt, das ist interessant und spannend. Im besten Sinne ein Abenteuerroman, der mich irgendwie an meine Jugendlektüre von Karl May erinnerte.

Leider erinnert er auch im negativen Sinne daran, denn auch Karl May hatte bisweilen die störende Angewohnheit, religiöse und pseudophilosophische Lebensweisheiten in seine Geschichten einzuflechten, die den Gang der Handlung unnötig aufhielten. Das tut Roberts leider auch. Seine Binsenweisheiten und vermeintlich tiefgründigen philosophischen Erkenntnisse stören den Erzählfluss und langweilen. Da überschätzt der Autor seine geistige Kapazität ein wenig. Aber das ist nur ein kleiner Makel in diesem sonst durchgängig spannenden Roman, in dem es um Freundschaft, Liebe, Vertrauen, Verrat und Enttäuschung geht, und in dem man viel über Indien - besonders über das Leben in einem Slum - erfährt und bestens unterhalten wird.

Johnny Depp hat die Filmrechte an diesem Roman erworben, und eigentlich hätten die Dreharbeiten mit Mira Nair (Salaam Bombay / Monsoon Wedding) als Regisseurin schon längst starten sollen. Doch der Streik der Drehbuchautoren kam dazwischen, und mittlerweile ist Johnny Depp bis 2011 ausgebucht. Das heißt, dass wir wohl noch ziemlich lange auf den Film werden warten müssen. Hoffentlich wird überhaupt noch etwas daraus, denn der Stoff schreit förmlich nach einer Verfilmung, und die dafür nötige Straffung kann der Geschichte nur gut tun.
Wer sich für Indien interessiert und keine Angst vor dicken Wälzern hat, der sollte sich diese Lektüre unbedingt zu Gemüte führen.

Vera Schwallbach
Rezension online seit 3.01.2009