|  Autor:
Kiran Nagarkar
Übersetzt von: Giovanni Bandini, Ditte Bandini
Stilrichtung: Roman
Gebundene Ausgabe: 396 Seiten
Verlag: A 1 Verlags GmbH (9/2004)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3927743739
ISBN-13: 978-3927743731
Rezension von: Sabine Adatepe für Happyindia.de
User Rezension
Ravan, der Hindujunge, der eigentlich Ram heißt,
aber man soll ja die Götter nicht berufen, und Eddie, der Katholik,
dessen Vater noch vor Eddies Geburt von Ravan in einem unglaublichen
Unfall "umgebracht" wurde, der zum Musterschüler der
hindunationalistischen Sabha wird, bis seine Mutter dahinterkommt,
leben in einem der überfüllten Wohnblocks Bombays, im gleichen
Hauseingang. Sie kennen sich von klein auf, doch Freunde können
sie nicht werden. Rasant geht es, auf wenigen Quadratmetern nur, durch
das Mosaik von Personen und Ereignissen um Ravan und Eddie herum,
die in einer Art Paralleluniversum leben: Dicht beieinander, fast
gleichaltrig, ganz ähnliche Schicksalswendungen erfahrend, die
sich aber durch die Umstände ganz unterschiedlich auswirken und
sie scheinbar in unterschiedliche Richtungen katapultieren, aber eben
doch immer wieder auch aufeinander zu führen, es nie aber zur
wirklichen Berührung kommen lässt, bis sie ganz am Ende
sich unvermutet angesichts einer Toten in die Arme fallen.
Nagarkar lässt der Leserin buchstäblich
kaum Gelegenheit zum Atmen, und selbst am Ende weiß man, es
ginge im gleichen Stil weiter, denn die beiden Protagonisten sind
ja erst 13, 14 Jahre alt, hätte der Autor hier nicht beschlossen,
einen Punkt zu setzen und dem Publikum die weitere Geschichte der
beiden Jungen vorzuenthalten.
Kindheit und allmähliches Heranwachsen, der
Übergang vom Kind zum Teenager, ist die Zeitspanne, die das Buch
behandelt, auf jeder Seite gespickt voller Überraschungen inhaltlich
und sprachlich. Nagarkar stößt ab und zieht zugleich an,
im gleichen Absatz, in einem Atemzug. Nagarkar wirft Schlaglichter
auf den Mikrokosmos einer erbarmungslosen Gesellschaft, in der Geborgenheit
für den einen an der Haustür beginnt und für den anderen
eben dort endet: ein Vater, der seiner schwangeren Tochter (eine von
neun - so werden sie natürlich nur die Gopis Krishnas genannt
und entsprechend verhöhnt) in den Bauch tritt, weil das Kind
von einem Unberührbaren stammt; Ravans Vater als Versager auf
dem Sofa, jahrelang, und plötzlich mit "seiner Schwester",
die natürlich alles andere als seine Schwester ist, im Wohnzimmer;
starke Mütter, die selbst nichts von ihren romantischen Seiten
ahnen, sondern vom Leben allein auf Durchhalten getrimmt sind; ein
katholischer Priester, der nicht akzeptieren kann, als Vater ernst
genommen zu werden, obwohl er sich doch beständig als Vater anreden
lässt und sich ja auch so aufführt ...
Eine Person brillanter als die andere geschildert,
scheinbar alltäglich und dabei jede einzelne ein Unikum, ein
Juwel – Nagarkar ist ein brillanter Beobachter, dem zugleich
die Gabe eignet, seine Beobachtungen treffend, mitreißend zu
schildern. Nicht umsonst war er jahrelang als Drehbuchautor tätig.
Er kennt die Welt, die er beschreibt, und hat keine Skrupel, sie schonungslos,
nackt gewissermaßen, bis ins letzte Detail darzustellen, gerade
weil er sie liebt.
"Doch glücklicherweise ist dies eine Geschichte
wie im Hindi-Film. Auch wenn sie ursprünglich auf Englisch geschrieben
ist, unterliegt sie nicht der haarspalterischen Logik und kleinlichen
Vernunft der Sprache unserer einstigen Kolonialherren. Gerade und
ungerade Daten fallen hier auf denselben Tag, und Parallelen, die
sich angeblich niemals treffen können, laufen in unserem Universum
- Bollywood genannt - einander vergnügt alle naselang über
den Weg" heißt es im Buch, womit Nagarkar selbst es aus
auktorialer Position auf den Punkt bringt. Ein Rausch, der nie aufhören
möge!
Sabine Adatepe
Rezension online seit 9.1.2007
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