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KulturSchock Indien

von: Rainer Krack
Stilrichtung:
Sachbuch
Broschiert:
228 Seiten
Verlag: Reise Know-How Verlag Rump; 10. Aufl. (8/2007)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3831716021
ISBN-13: 978-3831716029
Rezension von: Inga Matthiesen für Happyindia.de

 

User Rezension

Mein erster Eindruck von diesem Buch war: Handlich, vielseitig, jedoch viel zu klein gedruckt! Aus meiner Sicht ist es die Frage, ob sich das kleine Schriftbild zum Zwecke der Handlichkeit bezahlt macht, da ich das Buch nicht unbedingt als Reisebegleiter, sondern eher als Reisevorbereitung einordnen würde. Und das Lesen dieses kleinen Schriftbildes habe ich als wirklich anstrengend empfunden.

Das Buch liefert inhaltlich eine Vielzahl an interessanter Themen, denen man auf einer Indienreise begegnen kann. Gebündelt sind sie unter den drei übersichtlichen Themenkomplexen “Religion und Weltsicht“, “Familie und Gesellschaft“ sowie “Der Alltag des Reisenden“ und werden durch dazwischengeschobene Exkurse (wie etwa Zeitungsartikel, Leserbriefe und Annoncen aus indischen Zeitungen) noch ergänzt. Abschließend gibt es im Anhang Hinweise zur indischen Presse, Lesetipps zu Indien sowie ein kleines Glossar. Viele Farbbilder begleiten den Text, machen aus meiner Sicht aber nicht immer die dazugehörige Thematik anschaulicher. Den meisten der Abschnitte und Kapitel ist jeweils ein Zitat des Abbé J. A. Dubois vorangestellt: Dieser verbrachte 31 Jahre (1792 – 1823) seines Lebens in Indien und hielt seine Erfahrungen in dem Werk ’Hindu Manners, Customs and Ceremonies’ fest, das Reiner Krack als eine "Art Kulturschock –Band des frühen 19. Jahrunderts" ansieht.

Sehr gut gefallen hat mir, dass der Autor in seinem Text so einige Hindi-Begriffe und –Redewendungen verwendet und erklärt. Das bekommt man als normaler Tourist ohne engeren Kontakt zu Einheimischen und ohne Sprachkenntnisse wohl sonst eher nicht mit. Um die Richtigkeit dieser Zitate und Übersetzungen beurteilen zu können, kann ich leider noch nicht genug Hindi.

Will man den kulturellen Hintergrund eines so großen und vielseitigen Landes wie Indien schildern, kommt man um gewisse Verallgemeinerungen vermutlich nicht herum. Und so gibt auch Rainer Krack (freier Journalist und Indologe mit Schwerpunkt auf die noch unerforschten Sprachen der Adivasi) bereits im Vorwort als Schwerpunkt des Buches an, die Denk- und Verhaltensweisen schildern zu wollen, die für Indien “allgemein“ gültig sind. Er wolle mit dem vorliegenden Buch den Kulturschock für den Reisende weitgehend abmildern bzw. versuchen ihn ganz und gar vorzubeugen - “Auf dass der Reisende Indien genießen möge!“, so Reiner Kracks abschließender Wunsch im Vorwort.

Über den Grad an Verallgemeinerung in diesem Buch, war ich dann jedoch verwundert: Aus meiner Sicht schreibt Rainer Krack viel zu oft von “dem Inder“ an sich und pauschalisiert damit einfach unnötigerweise – den Inder gibt es einfach genauso wenig, wie es den Deutschen, den Amerikaner, den Engländer gibt. Sicher begegnet man aber kulturell geprägten Ähnlichkeiten im Verhalten innerhalb einer Nationalität. Diese Begrenzung in der Betrachtung eines Themas sollte man aus meiner Sicht in einem Text wie diesem aber deutlicher kenntlich machen.

Für mich hat sich der Eindruck des negativen Verallgemeinerns auch noch durch einen für mein Empfinden recht überheblichen Tonfall an verschiedene Stellen verstärkt. Nachstehend habe ich einige Beispiele gesammelt, die mir besonders unangenehm aufgefallen sind:

“Hat sich eine Inderin ihren Mann erkoren, zieht sie alle Register. Indische Frauen sind nicht so direkt wie europäische und arbeiten mit einem Riesensortiment von List und Tücke.“ (S. 175)

“Inder werden es immer akzeptieren, wenn man bestimmte Dinge nicht tut, weil sonst religiöse Regeln verletzt würden. So könnte man klarzumachen versuchen, dass man an diesem Tag – aus religiösen Gründen – einen Schweigetag einlegt. Dieses sollte man allerdings wortlos klarmachen! Zur Not helfen auch medizinische Ausreden, wie ‚Mein Arzt hat mir verboten...’ etc.“ (S. 111)

„Das englische ,thank you’ ist da schon gebräuchlicher, aber das wird auch oft in unpassenden Situationen angewandt. Schließlich ist dem Inder der Gebrauch dieses Wortes fremd.“ (S. 109)

“Die Jains legen ebenfalls großen Wert auf periodisches Fasten. Hat der Reisende partout kein Interesse an der Einladung einer unerwünschten Person [zum Essen; eigene Ergänzung], hilft der Satz ’Faste heute, bin Jain!’“ (S. 112)

Ich finde solche Hinweise recht respektlos, weil der Autor z.T. mit den religiösen Überzeugungen anderer Menschen spielt bzw. bestimmte Gruppen verurteilt – und dies soll dem unerfahrenen Indienreisenden dann dabei helfen, Land und Leute kennen zu lernen und seine Reise durch Indien zu genießen? Vielleicht sollte man Rainer Kracks “Gebrauchsanweisung“ für eine Reise durch Indien einmal von der anderen Seite aus betrachten: Wie fänden wir es denn, wenn wir solche vorgefertigte Meinungen und Gebrauchsanweisungen im Ausland über uns lesen würden?! Sicher können Hinweise zu landestypischen Eigenheiten hilfreich dabei sein, schlechte Erfahrungen zu vermeiden, aber aus meiner Sicht spiegeln viele der Formulierungen von Krack bereits vorgefertigte und zum Teil überhebliche Meinung über ein Land und seine Menschen wieder. Menschen sind zum Glück unterschiedlich und Erfahrungen mit diesen eben auch. Jeder sollte aus meiner Sicht seine eigenen Erfahrungen sammeln und sich seine eigene Meinung bilden. Ich wünsche mir ein Land mit eben genau dieser Offenheit zu bereisen, was trotzdem nicht ausschließt, auch negative Seiten und Gefahren im Blick zu haben. Interessieren würde mich auch noch, welche Erfahrungen den Autoren dazu veranlasst haben den Leser vor der List und Tücke der indischen Frau zu warnen...

Beim Thema Essen schlägt der Ton dann aber doch noch in einen freundlicheren um: “Wenn ich keinen anderen Grund hätte, nach Indien zu fahren, so würde ich es schon allein des Essens wegen tun.“ Allerdings schiebt er dann folgendes hinterher: “Die indische Küche ist aufgrund der verschiedenen regionalen Traditionen und der reichhaltigen Vegetation extrem abwechslungsreich. Gemeinsam ist allen Speisen allerdings die brennende Schärfe.“ Vielleicht fehlt mir die Erfahrung, weil ich noch nicht direkt in Indien war, aber so wie ich bis jetzt die indische Küche kennen gelernt habe, gibt es auch in der Schärfe der Speisen eine große Vielfalt und nicht etwa nur eine extreme Einheitsschärfe – klingt für mich ein bisschen wie die Erfahrungen der Briten mit indischem Essen, die mehr oder weniger alles unter dem Begriff Curry zusammengefasst haben.

Um es kurz zu machen: Aus meiner Sicht kann man dieses Buch sicher lesen, um etwas über Land und Leute zu lernen. Mir hat aber in den Schilderungen Rainer Kracks immer wieder der Respekt und die Achtung vor den Menschen und der anderen Kultur gefehlt. Ich finde daher beim Lesen einen besonders kritischen Blick auf die Aussagen des Autoren unerlässlich. Um die unterschiedlichen (und möglicher Weise bei einem Reisenden einen Kulturschock auslösenden) Seiten Indiens kennen zu lernen haben mir z. B. Ilija Trojanows ’Der Sadhu an der Teufelswand – Reportagen aus einem anderen Indien’, Rohinton Mistrys ’Das Gleichgewicht der Welt’ oder Britta Petersens ’Wo die Götter leben – Alltag und Religion in Indien’ entschieden besser gefallen.

Inga Matthiesen
Rezension online seit 14.04.2008

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