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Kathakali

von: Anita Nair
Originaltitel: Mistress
Übersetzt von: Anette Grube
Stilrichtung:
Roman
Gebundene Ausgabe:
526Seiten
Verlag: Hoffmann und Campe (8/2006)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3455400019
ISBN-13: 978-3455400014
Rezension von: Sabine Adatepe für Happyindia.de

 

User Rezension

Radha, die Frau des Hirten, lässt sich mit Musik und Charme von Krishna verführen, doch am Ende kehrt sie zu ihrem Mann zurück, der geduldig auf sie gewartet hat.

Mit ihrem jüngsten Roman Kathakali stellt die Erfolgsautorin Anita Nair aus Kerala sich der schwierigen Aufgabe, ein Motiv aus dem Mahabharata modern zu interpretieren und mit dem in Europa kaum bekannten Kathakali ein zentrales Stück südindischer Kunst zu präsentieren.
»Woher nimmt man den Mut, sich seiner Vergangenheit zu stellen?«, fragt Kathakali-Tänzer Koman, als er seinen alternden Vater Sethu an den Ort begleitet, wo dieser als junger Mann lebte und liebte. Hier erfährt Koman die Wahrheit über seine Mutter. Inzwischen ist der Kathakali sein Leben, alle menschliche Leidenschaft hat er als Tänzer schon dargestellt, nichts ist ihm fremd, nur er sich selbst, wenn er fern seiner Kunst ist.

Kathakali, das klassische Tanzspiel Keralas, ausdrucksstark, von seinen Darstellern vollkommene Hingabe fordernd, dient Nair als Schablone für einen ungewöhnlichen Familienroman über drei Generationen. Liebe, Verachtung, Kummer, Wut, Mut, Angst, Ekel, Staunen, Seelenfrieden – in der Folge der »neun Gesichter des Lebens«, wie sie im Kathakali Ausdruck finden, lässt Nair ihre Hauptpersonen jeweils aus der eigenen Perspektive erzählen, wodurch sich Emotionen und Ambitionen wie von selbst relativieren. Nur Chris, der musikalische Reisejournalist aus England bleibt in der dritten Person, obwohl er mit seinem Vorhaben, ein Buch über Koman und seine Kunst zu schreiben, als Katalysator wirkt:
Koman ist zum ersten Mal bereit, von seiner Vergangenheit zu reden, holt dabei aus bis zur Geschichte seiner Eltern – der verbotenen Liebe zwischen dem bibelfesten (!) Hindu Sethu, der sich als Assistent eines evangelikalen Arztes als Christ ausgibt, und Saadiya, Tochter des muslimischen Klanführers in einer mittelalterlich sittenstrengen Enklave – und berichtet von seinem harten Weg ins und mit dem Kathakali.
Komans Nichte Radha, kluge, doch tödlich gelangweilte Ehefrau des Ressort-Besitzers Shyam, der Chris günstig einen Pavillon zur Verfügung stellt, weil er sich von dem Reisejournalisten Werbung im Ausland für sein Ressort verspricht, das ihm neben der ohnmächtigen Liebe zu Radha einziger Lebensinhalt ist, verliebt sich in Chris. Als im Laufe der Erzählung noch eine Affäre Komans mit Angela, der engagierten Kathakali-Studentin aus England und, wie sich herausstellt, Chris' Mutter, ans Licht kommt, scheint die Verwirrung komplett. Doch es gelingt der Autorin, die Erzählstränge, so ineinander verschlungen sie auch wirken, logisch zu strukturieren und zugleich die Unausweichlichkeit des Schicksals nachzuzeichnen, das erst in der Treue zu sich selbst Erfüllung findet.
»Wenn ich tanze, weiß ich, wer ich bin«, stellt Koman am Ende seines Lebensberichtes fest. Von der Randfigur des leicht verschrobenen Onkels mutiert er im Laufe des Romans zum Sympathieträger, zur tragenden Leitfigur; Kathakali tritt aus dem Hintergrund in den Mittelpunkt von Komans Leben wie von Nairs Roman.
Als kosmopolitische Tochter unserer globalisierten Zeit verknüpft Anita Nair nicht nur Vergangenheit und Gegenwart im innerindischen Kontext, wo Multikulturalität seit Jahrhunderten Realität ist, sondern kennt sich auch in den Abgründen der Migration – Koman scheitert in London – und der Herausforderung interkultureller Verständigung aus: Wenige Nebensätze zum Irakkrieg lassen Radha erkennen, dass Welten sie von Chris trennen, so tief die augenblickliche Leidenschaft auch sein mag. Nair baut Brücken, nicht jedoch um jeden Preis.

Sabine Adatepe
Rezension online seit 23.06.2007