von:
Kamila Shamsie
Stilrichtung: Roman
Broschierte Ausgabe: 411 Seiten
Verlag: Berliner Taschenbuch Verlag; Auflage: 1 (11/2005)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 383330331X
ISBN-13: 978-3833303319
Rezension von: Sabine Adatepe für Happyindia.de
User Rezension
Eine Liebeserklärung an Karatschi legt Kamila
Shamsie mit ihrem ersten ins Deutsche übersetzten Roman vor,
wenn auch auf High-Society-Kreise, deren Stadtviertel und Lebensart,
beschränkt. Shamsie, für ihre Romane seit 1998 mehrfach
ausgezeichnet, stammt selbst aus Karatschi und lebt heute dort und
in London.
Karim und Raheen sind dreizehn, als ihre Eltern sie
für die Winterferien, die sie eigentlich wie immer am Strand
in Karatschi verbringen wollten, nach Rahim Yar Khan zu Tante und
Onkel auf eine Farm schicken, weil die Stadt den Erwachsenen nicht
sicher genug für ihre Kinder erscheint. Hier wendet sich das
Schicksal der beiden unzertrennlichen Freunde, als Karim eines Abends,
als der Onkel den Reis auf seinem Teller in die Form Indiens, Pakistans
und Bangladeshs schiebt und den Himalaya unter Linsensauce begräbt,
erklärt: »Ich werde Landkartenmacher.« Die Kinderfreundschaft,
eine sinnliche Symbiose, die noch nichts mit Sinnlichkeit zu tun hat,
zerbricht an der ungewohnten Distanz, als Karim seinen Eltern nach
London folgen muss. Sie ertragen die zunehmende Gewalt auf den Straßen
Karatschis nicht länger, ebensowenig die fortschreitende Zerrüttung
ihrer Ehe. Rund zehn Jahre später, beide studieren inzwischen
in den USA, der anfängliche Briefwechsel ist längst abgebrochen,
begegnen sie sich anlässlich der Verlobung einer Freundin in
Karatschi wieder. Beide sind schockiert darüber, wie sehr sie
sich auseinander gelebt haben, wie wenig sie dennoch voneinander lassen
können.
Vor dem Hintergrund gewalttätiger Ausschreitungen
in den Straßen Karatschis Mitte der 80er und 90er Jahre schildert
Shamsie eine Teenagerliebe in pakistanischen Society-Kreisen, die
sich angesichts verwirrender Verhältnisse bewähren muss.
Die Eltern, so erfahren die Kinder, veranstalteten 1971 einen Partnertausch
– in jenem Jahr, in dem ein blutiger Bürgerkrieg zur Unabhängigkeit
Ostpakistans und Gründung des Staates Bangladesh führte.
Maheen, Karims Mutter, ist Bengali, was sie in ihrer Heimat Karatschi
plötzlich zur gehassten Außenseiterin machte. Ihr Verlobter
Zafar, später Raheens Vater, hielt dem zunehmenden Druck nicht
stand.
Kartographie ist für Karim Berufung. Mit dem
Entwickeln einer Karte von Karatschi über die Touristenecken
hinaus kann er auch im Exil die Verbundenheit zu seiner Stadt zum
Ausdruck bringen. Bei Raheen jedoch, die viele Jahre hindurch die
Realität der Straße nicht an ihr Leben zwischen Familie,
besten Freunden und Club heranlässt, stößt er mit
dem akribischen Verfolgen aller Medienbericht über Karatschi
auf Unverständnis und Unwillen.
Kamila Shamsie erfüllt den eigenen Anspruch,
hoch gesteckt mit dem prätentiösen Titel des Romans, allerdings
nur ansatzweise. Die Erzählung liest sich flott und erinnert
an manchen hippen Bollywood-Film über Upper-class-Liebe. Doch
gerade das, was Shamsie den jungen Karim kritisieren lässt –
der mangelnde Blick für die Menschen, die nicht im abgeschotteten
Luxus leben – bleibt schemenhaft. Der Sommer 1995, die Stadt
brodelt und blutet einmal mehr, findet sich resümiert in einem
Nebensatz: »Wer wollte es schon riskieren, an einer roten Ampel
stehen zu bleiben?« Ohne Auto traut sich aus der englischsprachigen
Elite niemand auf die Straße. Worum es bei den fürchterlichen
Ausschreitungen eigentlich geht, wird kaum verständlich. Die
politischen und sozialen Brüche, die die pakistanische Gesellschaft
bis heute prägen, sind nur angerissen. »Wir stammen aus
einer Stadt, die vom Geschichtenerzählen lebt«, lässt
Shamsie ihre Ich-Erzählerin Raheen an Karim schreiben. Kartographie
enthält zu wenig davon, zu selten gelingen Stellen von Tiefgang.
Schade, denn Shamsie hat wunderbares Erzähltalent!
Sabine Adatepe
Rezension online seit 10.07.2007
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