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von:
Amitav Ghosh
Originaltitel: The Hungry Tide
Übersetzt von: Barbara Heller
Stilrichtung: Roman
Gebundene Ausgabe: 544 Seiten
Verlag: Blessing (9/2004)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3896672037
ISBN-13: 978-3896672032
Rezension von: Sabine Adatepe für Happyindia.de
User Rezension
Angekündigt als Liebesgeschichte, als Drama
einer Frau zwischen zwei Männern, entpuppt sich dieses Meisterwerk
des bekannten Erzählers Ghosh vielmehr als eine Liebeserklärung
an sein Indien in aller Widersprüchlichkeit, mit allen Klippen
und Kanten, die Geschichte und Kulturen des gespaltenen Subkontinents
zu bieten haben. Hier entwickelt er das faszinierende Tableau einer
– im Ausland – wenig bekannten Gegend im Grenzgebiet zwischen
Bangladesh und Indien, den Sundarbans, deren Land und Leute von Natur
und Geschichte arg gebeutelt sind.
Piya, eine junge Meeressäugerforscherin, in
indischer Familie in den USA aufgewachsen, reist in die Sundarbans,
das Gezeitenland im Delta von Ganges und Brahmaputra am Golf von Bengalen,
um die dortige Orcaella-Population zu erforschen. Noch im Zug lernt
sie Kanai kennen, den arrivierten Betreiber einer florierenden Sprachservicefirma
aus Neu-Delhi, der seine Tante Nilima auf dem Inselchen Lusibari besucht,
da sein Onkel Nirmal ihm eine Art Tagebuch hinterlassen hat. Beide
steigen in Canning aus dem Zug. Piya holt sich die nötigen Genehmigungen,
heuert eine Barkasse mit dem ihr zugeteilten Führer an und macht
sich auf den Weg. Die Männer versuchen sogleich, sie zu übervorteilen
und rasch loszuwerden. Sie fällt ins Wasser - oder wird sie gestoßen?
- doch der Fischer Fokir holt sie unter Einsatz des eigenen Lebens
heraus.
Sie steigt in sein Boot um und die Geschichte nimmt ihren Lauf. Er
kennt sich aus in den Gewässern und schon am Abend hat Piya ihre
Delfine vor sich. Fokir ist bereit, sich ihr ganz anzupassen, sie
gerät in einen wunderbaren Rhythmus von Beobachten und Notieren.
Das Forschungsprojekt ihres Lebens ist gefunden. Endlich bringt Fokir
sie nach Lusibari, wo sie Kanai wiedertrifft, vertieft in die Lektüre
der Aufzeichnungen seines Onkels: Es ist die Geschichte von Morichjhapi,
einer Nachbarinsel, auf der 1979 einige Tausend Bangladesh-Flüchtlinge
aus einem Umsiedlerlager in Bihar Zuflucht gesucht hatten, darunter
auch Kusum, eine ehemalige Zöglingstochter aus dem Sozialprojekt
von Nirmal und Nilima auf Lusibari. Nirmal, am Ende seiner Schulleiterlaufbahn,
der Traum vom Schreiben gescheitert, er selbst zum Nichtsnutz geworden
neben seiner tüchtigen Frau Nilima, sieht seine Ideale von Revolution
und Sozialismus auf Morichjhapi noch einmal aufblitzen. Doch sein
Engagement gerät zur unerwünschten Einmischung. Immerhin
schreibt er die Geschichte bis zur brutalen Vertreibung der Siedler
auf - Kanai liest sie im Laufe der Tage auf Lusibari.
Bei Piyas nächster Ausfahrt mit Fokir will Kanai mit. Alles geht
gut, bis Sturm aufzieht – eine Metapher auch für die zwischenmenschliche
Ebene. Plötzlich allein auf Garjontola, der Insel am Rande des
Gebietes von Tigerdämon Dokkhin Rai, auf der er dem Mythos zufolge
von der guten Bon Bibi geschlagen wurde, macht Kanai eine Grenzerfahrung.
Bereit, sich zu ändern, erreicht er Lusibari. Piya und Fokir
jedoch stecken mitten im Mangrovendschungel, retten sich vor Sturm
und Flut zunächst auf eine Riesenmangrove, doch letztlich fordert
die Naturgewalt ihren Tribut. Piya, verzweifelt ob der Schuldigkeit,
überlebt zu haben, ist trotz allem entschlossen, ihr Forschungsprojekt
fortzusetzen.
Verschachtelt in meist kurzen Kapiteln jeweils den beiden Hauptpersonen
Kanai und Piya folgend, dabei mit Mythen, Historie, Humanismus und
großartiger Empathie für die unterschiedlichen Personen
geschrieben, dass man den Band kaum wieder aus der Hand legen mag,
auch wenn man ahnt, dass eine Katastrophe am Ende steht, legt Ghosh
hier ein wahrhaft atemberaubendes Buch vor. Zudem ein wichtiger Stein
im Mosaik der indischen Völker, Religionen und Regionen. Man
glaubt, nie wieder ein so fesselndes Buch in die Hand zu bekommen.
Einfach großartig!
Sabine Adatepe
Rezension online seit 29.10.2007
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