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Gottes kleiner Krieger

Autor: Kiran Nagarkar
Übersetzt von:
Giovanni Bandini, Ditte Bandini
Stilrichtung:
Roman
Gebundene Ausgabe:
694 Seiten
Verlag: A 1 Verlags GmbH Aufl:4 (9/2006)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3927743887
ISBN-13: 978-3927743885
Rezension von: Vera Schwallbach für Happyindia.de

 

User Rezension

Dieser Roman ist so prall gefüllt mit Geschichten wie ein indischer Masala-Film, so dass es schwer fällt, das Wesentliche herauszufiltern. Er liefert genug Stoff für mindestens drei weitere Bücher. Nagarkar fabuliert darauf los, ist nicht zu bremsen, und man lässt sich lustvoll auf jeden Exkurs ein. Der Tenor dieses Buches ist ernster als beispielweise in seinem erstem englischsprachigen Roman Ravan & Eddie, aber sein Humor ist trotzdem zu spüren. Was mir an Nagarkars Stil besonders gefällt, ist seine Art der umgangssprachlichen Ausdrucksweise (lobend zu erwähnen die hervorragende Übersetzung von Ditte und Giovanni Bandini), sein Stil ist leicht, locker, unterhaltsam und spannend. Obwohl das Buch ein ziemlich dicker Wälzer ist, wurde der Sog weiterlesen zu wollen zum Ende hin immer stärker.

Zia Khan wächst in Bombay in einer liberalen muslimischen Familie auf. Wir begegnen ihm im Verlauf des Buches in drei verschiedenen Identitäten: Als Zia, dem Islamisten, dessen Attentat auf Salman Rushdie scheitert, und der danach als Guerilla-Kämpfer nach Afghanistan abtaucht. Als Bruder Lucens Kahn, der in Kalifornien in einem Trappistenkloster lebt und dann später das Kloster verlässt, um die Angels - eine neokonservative Organisation im Kampf gegen Abtreibungskliniken und vorehelichen Sex in den USA - ins Leben zu rufen. Und ganz am Ende als Tejas Nirantar, Anhänger und Yoga-Schüler des tantrischen Gurus Shakta-Muni. Nicht zu vergessen als Börsenspekulant und Waffenhändler, um seine Angels zu finanzieren,

Es gibt viele weitere Personen und Nebenhandlungen im Roman, z.B. spielt auch Zias Bruder Amanat eine wichtige Rolle, der regelmäßig lange Briefe an Zia schreibt; er ist die Stimme der Vernunft, genauso wie der Vater der beiden Brüder und der Abt im Trappistenkloster. Das Thema Nagarkars ist der Fanatismus, und zwar nicht der Fanatismus in einer bestimmten Religion. Sein Protagonist Zia alias Bruder Lucens alias Tejas zeigt uns, wie schmal der Grat zwischen Idealismus und Fanatismus in allen Religionen ist. Für seine Überzeugungen geht er über Leichen. Auf der Suche nach Klarheit, nach der Wahrheit setzt er sich immer wieder körperlichem Schmerz aus (schon als Jugendlicher hat er sich bei einer religiösen Prozession blutig gegeißelt). Er und sein Bruder sind so verschieden, dass ihm manchmal Zweifel kommen, ob sie tatsächlich Geschwister sind. Wie kommt es, dass sie, die beide im gleichen Umfeld aufgewachsen sind, sich so unterschiedlich entwickelt haben? Der einzige Unterschied ist, dass Zia sich als Kind sehr an die gläubige Tante Zubeida - der Schwester des Vaters und einzig gläubigen Muslimin in der Familie - angeschlossen hat, die ihm eingeredet hat, dass er ein Auserwählter sei.

In seinen ganzen Nebenfiguren und Nebenhandlungen ist der Roman prall gefüllt mit Leben. Wie z.B. in der Geschichte von Sagari, der Tochter vom Hausarzt der Khans, die als Kind eine Werbestar war und später ein Bollywoodstar wird und die Tante Zubeida , die nie geheiratet hat, weil sie sich als Teenager unsterblich in den Schauspieler Dilip Kumar verliebt hat , zu einem realen Treffen mit dem inzwischen bejahrten Schauspieler verhilft. Später heiraten Sagari und Amanat. Wie in Zias Episode als Straßenfeger in Cambridge und seiner Beziehung zu Vivian, der Tochter einer englischen Freundin von Zias Eltern, die auch zur fanatischen Muslimin wird und in Cambridge in einer Burka herumlaufen möchte. Dazwischen immer Amanats lange Briefe und sogar ein Buch im Buch, ein längerer Ausschnitt aus Amanats Buch über den Weber und Wanderprediger Kabir.

Auch wenn es mir oft schwer gefallen ist, Zias Gedankenwelt nachzuvollziehen, so bin ich seinem Lebensweg doch mit großer Spannung gefolgt. (Kiran Nagarkar selbst hat in einem Interview berichtet, dass ihm streckenweise sein Protagonist so unsympathisch war, dass er das Schreiben eine Weile unterbrechen musste.) Die Fülle des Materials und die überbordende Fantasie des Autors machen das Buch zu einem unterhaltsamen und spannenden Lesevergnügen.

 

Vera Schwallbach
Rezension online seit 21.02.2007