von: Urvashi Batalia
Stilrichtung: Romansammlung
Broschiert: 288 Seiten
Verlag: Dtv (Oktober 2006)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3423135085
ISBN-13: 978-3423135085
Rezension von: Maren Schrobar für Happyindia.de
User Rezension
Das
Buch stellt zwölf Geschichten verschiedener indischer Schriftstellerinnen
vor, die alle von Frauen handeln. Die einzelnen Erzählungen jedoch
unterscheiden sich sehr voneinander – in Bezug auf Themen und
Schreibstile.
Gleich die erste Erzählung geht unter die Haut:
Aus der Sicht ihrer jüngeren Schwester Geeti wird die Geschichte
von Sangeeta erzählt, die am Tag vor ihrer Hochzeit von ihrem
zukünftigen Schwager vergewaltigt wird. Aus Scham schweigt sie
und die Hochzeit findet statt, nur Geeti ist informiert und mit der
Situation ebenfalls überfordert. Dies steigert sich noch dadurch,
dass der Schwager bei den Jungvermählten einzieht und die Tortur
für Sangeeta weitergeht: Tagsüber vergewaltigt sie der Schwager,
nachts ihr Ehemann. Als die Sache endlich ans Licht kommt, ist es
zu spät: Sangeeta hat ihren Peiniger und sich selbst umgebracht.
Durch die Figuren dieser schockierenden Geschichte werden viele Fragen
aufgerührt: Sa sind die konservative Mutter, die fortschrittlich
denkende Tante, die Schwester, die zwischen all dem steht und ihren
eigenen Weg gehen muss. „Ja, ich bin der Mittelweg.“,
sagt Geeti. „Weder verheiratet, dick, unzufrieden und fatalistisch
wie meine Mutter, noch unverheiratet, kompromisslos und unabhängig
wie Mala Mousi.“ Aus der Erzählung geht nicht hervor, welcher
Weg der richtige ist, denn jeder wählt seinen eigenen.
Die übrigen Geschichten des Buches stimmen in
diesem Punkt überein: Sie gewähren Einblicke in das Leben
und die Schicksale der unterschiedlichsten Frauen, sie urteilen jedoch
niemals. Malini lebt ihr ganzes Leben allein, weil der Mann, den sie
liebt, eine andere heiratete. Sie ist glücklich darüber,
in seiner Nähe zu wohnen, und unglücklich darüber,
ihm dennoch fern zu sein.
Susheela hingegen träumt davon, ihren Mann zu
verlassen und sich in eine Schlange zu verwandeln. Eine andere Frau
fühlt sich einsam in ihrer Ehe, da ihr Mann sie mit den Worten
„Wir haben doch schon einen Sohn.“ zurückweist. Sie
versucht, gegen die Verbitterung in ihr anzukämpfen.
Einer meiner Favoriten unter den Erzählungen
ist die sehr witzige Geschichte von Mayadevi, die ihren Sohn in London
besuchen will– weniger, um ihm eine Freude zu machen, als ihn
zu beschämen, denn er selber besucht sie längst nicht mehr.
Die resolute, aber ebenso sture und vor allem grobe alte Dame macht
ihr Vorhaben wahr, sehr zum Leidwesen ihres Sohnes. Dieser versucht
am Flughafen die Füße seiner Mutter zu berühren und
es so aussehen zu lassen, als würde er sich die Schnürsenkel
binden. Natürlich fällt Mayadevi darauf nicht herein und
schon ist die alte Familienhierarchie wiederhergestellt und der erwachsene
Amit verfällt in seine Kinderrolle. Ähnlich ergeht es allen
Leuten, die Mayadevi kompromisslos vor den Kopf stößt,
wie z.B. ihre Sitznachbarin im Flugzeug, eine junge Engländerin,
die von den vielen netten Menschen schwärmt, denen sie auf ihrer
Reise durch Indien begegnet sei. „Weshalb auch nicht?“,
entgegnet Mayadevi. „Sie lecken seit zweihundert Jahren weißen
Leuten die Stiefel, ist inzwischen schlechte Angewohnheit wie Trinken
und Rauchen.“ Und während das schockierte Mädchen
zu einer passenden Antwort ansetzt, herrscht Mayadevi sie grob an,
sie solle ihren Ellenbogen gefälligst von der Armlehne nehmen
und ihren Sari nicht berühren. Sechs Monate voller positiver
Indieneindrücke – zunichte gemacht auf der Rückreise
nach England durch eine Sitznachbarin wie Mayadevi.
Die Erzählungen sind derart verschieden, dass
man sie unmöglich zusammenfassen kann, man muss sie einfach lesen.
Mal geht es ironisch-witzig, mal ernsthaft-traurig, mal mystisch-unheimlich
zu. Die Auswahl bietet einen tollen Einblick ins vielseitige literarische
Schaffen indischer Schriftstellerinnen; am Ende des Buches finden
sich ein informatives Nachwort der Herausgeberin zur Entwicklung der
indischen Literatur in Bezug auf Frauen, sowie außerdem ein
Glossar, in dem alle Autorinnen des Erzählbandes aufgeführt
sind. Hier hätte ich mir etwas mehr Informationen gewünscht;
andererseits hat man ja auch jederzeit die Möglichkeit, sich
selbst über eine bestimmte Autorin, die einem besonders gefallen
hat, weiter zu informieren und mehr von ihr zu lesen. Das Buch macht
jedenfalls neugierig auf mehr Literatur von und über Frauen aus
Indien.
Maren Schrobar
Rezension online seit 13.11.2006
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