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Erbin des verlorenen Landes

Autor: Kiran Desai
Übersetzt von:
Robin Detje
Stilrichtung:
Roman
Gebundene Ausgabe:
429 Seiten
Verlag: Berlin Verlag; Auflage: 1 (8/2006)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 382700683X
ISBN-13: 978-3827006837
Rezension von: Maren Schrobar für Happyindia.de

 

User Rezension

Als jüngste Schriftstellerin erhielt die 35-jährige Kiran Desai den renommierten Man-Booker-Preis 2006 für ihr Werk „The Inheritance of Loss“ (Erbin des verlorenen Landes). Die Juroren würdigten das prämierte Buch als „großartigen Roman von menschlicher Breite und Weisheit, amüsanter Einfühlsamkeit und eindrucksvoller politischer Beobachtungsgabe“.

Meine Erwartungen an das Buch waren dementsprechend groß – würde ich die Einschätzung der Jury nachempfinden können?

Die Haupthandlung des Romans spielt Mitte der 1980er Jahre in Kalimpong, einem Ort im Himalaya, vor dem Hintergrund politischer Unruhen in Zusammenhang mit dem Aufstand indischer Nepalesen. Der ehemalige Richter Jemubhai Patel lebt mit seiner geliebten Hündin Mutt, seiner Enkelin Sai und seinem Koch auf „Cho Oyu“, dem Wohnsitz der Familie. Nebenschauplätze und –handlungen gibt es zahlreiche. Da ist vor allem Biju, der Sohn des Kochs, der sein Glück in Amerika versucht und doch nur von einem schlecht bezahlten Job an den nächsten gerät. Die zweite große Rolle der Nebenhandlungen nimmt die jeweilige Geschichte der Hauptfiguren ein, die in Form von Erinnerungen dargestellt wird. Am stärksten kommt dies bei dem alten Richter zum Ausdruck. Der unsympathische, verbitterte Mann sieht sich durch die unverhoffte Ankunft seiner Enkelin Sai mit seiner Vergangenheit konfrontiert. In Rückblenden erfährt der Leser von Jemubhais Leben, seiner Ausbildung in Cambridge, der Rückkehr nach Indien und der Ehe mit seiner ihm verhassten und von ihm misshandelten Frau Nimi. Seine Enkelin Sai ist als Waise von englischen Nonnen in einem Kloster aufgezogen worden und wird nach Beendigung der Ausbildung zu ihrem Großvater gebracht, den sie nie gesehen hat. Sie verliebt sich in ihren Hauslehrer Gyan, der sich jedoch später der nepalesischen Widerstandsbewegung anschließt. Hier setzt auch der Roman ein: Ein Überfall auf „Cho Oyu“, bei dem Rebellen die versteckten Waffen von Jemubhai Patel entwenden, verändert das Leben der kleinen Hausgemeinschaft.

Kiran Desais Roman ist weniger auf eine stringente Handlung an sich angelegt. Durch die bereits erwähnte Vielzahl von Nebenfiguren und –handlungen entsteht eher der Eindruck eines Mosaiks. Der Roman sei auch zunächst keiner gewesen, so Kiran Desai selbst, die 8 Jahre an dem Buch gearbeitet habe. Es seien vielmehr kleine Geschichten gewesen, die sie später zu einem Werk zusammengeflickt habe. Dies spiegelt sich im Roman wider. Mich hat daher auch weniger der Inhalt, als die Sprache begeistert. Mit fantasievollen Bildern beschreibt Desai Naturschauspiele („nun zog der Nebel wie ein Meerestier über die weiten Hänge der Berge“), mit klaren Worten werden Ereignisse geschildert und Dialoge wiedergegeben. Ungewöhnlich, aber schön ist auch die Beschreibung der Annäherung zwischen Sai und Gyan, die sich unter dem „Vorwand der wissenschaftlichen Untersuchung“ gegenseitig ihre Gliedmaße vermessen, um sich ihre wahren Gefühle nicht einzugestehen: „Sais Augen waren außergewöhnlich bezaubernd, das war ihm nicht entgangen [...] Aber davon wollte er lieber nicht sprechen; besser, man hielt sich an Details, die weniger rührten, und folgte einem eher wissenschaftlichen Ansatz. Er legte ihr eine Hand um den Kopf... „Ist er flach oder rund?“ Es sind eher die Figuren und ihre Darstellung, die sich aus dem Roman wie 3D-Bilder abheben. Selbst Mutt, die Hündin, ist eine solche Figur, denn für den Richter ist sie mehr Mensch als Hund – das einzige Lebewesen, zu dem er so etwas wie Liebe empfindet.

Wie also steht es mit der Beurteilung des Romans durch die Jury? Von „eindrucksvoller politischer Beobachtungsgabe“ zu sprechen stieß insbesondere bei den Bewohnern Kalimpongs auf Widerstand. Sie fühlten sich selbst und ihre Geschichte als zu negativ und nicht wahrheitsgemäß dargestellt. Immerhin: Es handelt sich schließlich um einen Roman und nicht um eine Dokumentation authentischer Ereignisse. Zur „amüsanten Einfühlsamkeit“ lässt sich sagen, dass die Figuren zwar amüsant beschrieben werden, es aber dennoch schwer fällt, sich in sie hineinzuversetzen. Der Richter, Gyan, der Koch, Biju und Sai – sie alle bleiben dem Leser mehr oder weniger fremd. Diese Distanz rührt sicher auch daher, dass die auktoriale Erzählhaltung im Roman dominiert – die Gefühle der einzelnen Personen sind meist aus einer gewissen Distanz dargestellt. Dem letzten bzw. von der Jury zuerst genannten Punkt jedoch kann ich voll zustimmen: „Erbin des verlorenen Landes“ ist sicherlich ein „Roman von menschlicher Breite und Weisheit“, der vor allem durch seine klare, ausdrucksstarke Sprache und den frischen Stil begeistert.

 

Maren Schrobar
Rezension online seit 17.02.2007

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