 Autor:
Aravind Adiga
Übersetzt von: Ingo Herzke
Stilrichtung: Roman
Gebundene Ausgabe: 318Seiten
Verlag: C.H. Beck; Auflage: 1 (7/2008)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3406576915
ISBN-13: 978-3406576911
Rezension von: Vera Schwallbach für Happyindia.de
User Rezension
Der Roman 'Der weiße Tiger' ist in Form eines
Briefes an den chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao geschrieben.
In sieben Nächten setzt Balram Halwai diesen langen Brief fort,
den er anlässlich eines bevorstehenden Besuches des Chinesen
in Bangalore verfasst. Im Radio hat er gehört, dass der Ministerpräsident
die Erfolgsgeschichten von indischen Unternehmern hören möchte.
Balram wurde von einem Schulinspektor 'der weiße
Tiger' genannt, weil weiße Tiger eine Ausnahmeerscheinung sind,
genau wie Dorfjungen, die - so wie er - lesen können. Er schildert
seinen unaufhaltsamen Aufstieg von dem kleinen Jungen aus Laxmangarh
zum Chef eines florierenden Fahrdienstunternehmens in Bangalore -
einen Aufstieg vom Diener aus der Kaste der Zuckerbäcker zum
Unternehmer. Seine Flotte von Toyota Qualis transportiert die Mitarbeiter
von Call-Centern nach der Arbeit nach Hause, da diese aufgrund des
Zeitunterschiedes nachts arbeiten; denn ihre Kunden leben in anderen
Kontinenten.
Dazwischen liegt ein harter Weg, aber Balram wollte
schon immer höher hinaus und hat sich eisern durchgebissen. Obwohl
er, wie er es selbst nennt, nur halb gar ist - damit meint er, dass
er nur wenig Schulbildung genossen hat- , schafft er es, Auto fahren
zu lernen und beim reichsten Mann der Gegend als Fahrer angestellt
zu werden. Und bald darauf zieht er mit Ashok, dem jüngsten Sohn
seines Arbeitgebers, der gerade aus den USA zurückgekehrt ist,
nach Delhi. Auf Grund seiner amerikanischen Prägung ist dieser
Herr auf den ersten Blick menschlicher als sein Vater und seine Brüder,
aber in Krisensituationen zeigt sich, dass darauf kein Verlass ist
und er sich bei Bedarf seinem Diener gegenüber genauso herrisch
aufführt wie diese.
Durch allerlei Erlebnisse und Erfahrungen beginnt
Balram allmählich, seine Dienermentalität abzulegen, mehr
an sich selbst und sein Vorankommen zu denken und seine Flucht aus
dem Großen Hühnerkäfig vorzubereiten. 'Der Große
Hühnerkäfig' ist seine Metapher für die indische Gesellschaft,
in der die große Masse sich klaglos und ohne aufzubegehren ausbeuten
lässt. Für seinen Erfolg muss er sich schließlich
auch die Hände mit einem Mord schmutzig machen.
Diese amüsant geschriebene Lebensbeichte birst
vor vielen kleinen - teils witzig-bissigen, teils traurig-verstörenden
-Anekdoten. Aravind Adiga wirft einen realistischen Blick auf das
heutige Indien: die nach wie vor weit verbreitete Korruption, den
Abgrund zwischen Arm und Reich, das Leben zwischen elendigen Slums
und schicken Shopping Malls. Alles im schnörkellosen bis flapsigen
Ton des 'halb garen' Ich-Erzählers Balram, der sich am Ende in
Ashok Sharma umbenannt hat - denn als Balram Halwai wurde er steckbrieflich
gesucht. Er ist der Held des Buches und natürlich sympathisiert
man mit ihm, obwohl er amoralisch ist, keine Reue über seinen
Mord zeigt und ziemlich selbstgefällig ist. Doch natürlich
richtet sich die Kritik dieser Satire auch gegen ihn - ein Produkt
dieser 'Hühnerkäfig-Gesellschaft', das es in der Hackordnung
nach oben geschafft hat.
Ein gut lesbarer, unterhaltsamer, bissig- satirischer
Roman, den ich mit großem Lesevergnügen in kürzester
Zeit verschlungen habe und allen Indieninteressierten empfehlen kann,
deren Interesse über die Glamour-Welt von Bollywood hinausgeht.
Vera Schwallbach
Rezension online seit 22.09.2008
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