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Der Unberührbare

Autor: Mulk Raj Anand
Übersetzt von:
Aus dem indischen Englisch von Joseph Kalmer, überarbeitet von Brigitte Axster
Stilrichtung:
Roman
Gebundene Ausgabe:
207 Seiten
Verlag: Unionsverlag (9/2003)
Sprache: Deutsch, Englisch
ISBN-10: 3293202721
ISBN-13: 978-3293202726
Rezension von: Sabine Adatepe für Happyindia.de

 

User Rezension

Von früh bis spät reinigt der 18-jährige Bakha beflissen die Latrinen für Stadt und Militärlager. Er träumt davon, ein „Sahib“ zu werden, wie er sie in der britischen Kaserne kennengelernt hat. Das übellaunige Schimpfen des Vaters ficht ihn nicht an; völlig aus der Bahn aber wirft ihn die ungerechtfertigte Anschuldigung, er habe einen Hindu absichtlich berührt. Mit dem Ruf „Entweiht!“ schallt ihm von überallher Abscheu und Verachtung entgegen, erbetteltes Brot wird ihm auf die Straße geworfen, selbst Kinder meiden ihn, der ein guter Hockeyspieler von stattlicher Gestalt ist. Doch seinen Status als „Unberührbarer“ stellt er nicht in Frage – bis er durch Zufall Gandhi sprechen hört. Gandhis Einsatz „für die Unberührbaren und den Schutz der Kühe“ erweckt ihn, gibt ihm den Mut, auch dem verbitterten Vater erneut gegenüberzutreten. Endlich, möchte die Leserin sagen, empfindet Bakha sich als gleichwertig.

Auch wenn das Kastenwesen mit der Staatsgründung 1949 offiziell abgeschafft wurde, erlaubt Anands Debütroman von 1935 einen erschütternden, nicht nur historischen Einblick in eine streng hierarchisch gegliederte Gesellschaft. Dieser Klassiker der indo-englischen Literatur brachte mit seiner sozialkritischen, realistischen Erzählweise eine Wende und einen Neubeginn in der indischen Prosa. Anand brach mit der romantischen Tadition und legte den Fokus auf das Individuum und seine Position und Befindlichkeit in der Gesellschaft. Er beschrieb den Latrinenputzer Bakha, nachdem er selbst sich in Gandhis Ashram der dortigen Pflicht, einmal wöchentlich die Latrinen zu reinigen, unterworfen hatte. So sehr, wie Anand sich zum Anwalt seiner Sache machte – auch in den nachfolgenden Romanen und Kurzgeschichten mit Themen aus dem Milieu sozialer und wirtschaftlicher Unterdrückung setzte er seine scharfe Gesellschaftskritik fort –, stellt er bis in jüngste Zeit eine der Ausnahmen in der modernen indischen Literatur dar. Auch wenn der Autor in der zweiten Hälfte des Romans literarische Ästhetik hinter sein sozialkritisches Anliegen zurückstellt, überzeugt er insgesamt durch eindringliche, unmittelbare Schilderung aus der zuweilen naiv anmutenden Perspektive seines „unberührbaren“ Helden.

Sabine Adatepe
Rezension online seit 15.05.2008