/Buchrezensionen/Der Sadhu an der Teufelswand
Der Sadhu an der Teufelswand
User Rezension Prädikat: wertvoll. Diese Sammlung von Reportagen über Indien sollte man lesen und dafür den Berg an Reiseberichten à la „Ich war schon mal in Indien und schreibe auf, was ich alles erlebt habe“ getrost beiseite schieben. Denn die hier zusammengestellten Artikel Ilija Trojanows sind fundiert und gut recherchiert; nachdem sie zunächst in überregionalen Zeitungen wie der Süddeutschen oder der Neuen Zürcher Zeitung erschienen waren, sind sie für die Buchausgabe vom Autor komplett überarbeitet worden. Dazu sind außerdem sehr schöne Fotos abgelichtet, die teilweise auch für den gesondert erschienenen Bildband „Indien – Land des kleinen Glücks“ mit Auszügen aus Ilija Trojanows Texten verwendet wurden. Auch wenn die Beiträge bereits vor einigen Jahren entstanden sind, haben sie doch nicht an Aktualität verloren. Ihr Autor, ein „Kosmopolit par excellence“, der in Bulgarien geboren und in Kenia aufgewachsen ist, in Deutschland studiert und in Südafrika gearbeitet hat, lebte fünf Jahre lang in Indien. Seine Reportagen handeln von den unterschiedlichsten Aspekten des Lebens auf dem indischen Subkontinent. Da geht es um Kricket und die MTV-Kultur, um Feste, Natur und die „Philosophie des Straßenverkehrs“. Die Berichte basieren auf Recherchen, Beobachtungen und Gesprächen mit den Menschen vor Ort. Sie bieten viele Hintergrundinformationen zu einzelnen Themen und sind kurzweilig und unterhaltsam geschrieben, mit einem poetischen Unterton, der die Grenzen zwischen Sachbericht und Erzählung verwischt. Was vor allem bemerkenswert ist: Die Haltung des Autors drückt weder Euphorie noch Ablehnung gegenüber Indien aus, sondern eher eine realistische Sympathie und Offenheit für das andere Land. Nicht umsonst erklärte Trojanow unlängst in einem Interview im Berliner Tagesspiegel, man sollte sich beim Reisen „nackt machen, damit etwas passiert“. Auf keinen Fall mitnehmen sollte man „Gepäck. Freunde. Urteile.“ Deutlicher lässt sich die Einstellung des Autors wohl kaum beschreiben. Besonders gut gefallen haben mir in dem vorliegenden
Band die Reportagen über Bombay, die an Suketu Mehtas „Maximum
City“ erinnern, da sie ebenso gut recherchiert und beobachtet
sind und ähnliche Aspekte des Großstadtlebens berühren.
Trojanow begleitet die Dabawallahs, die Essensverteiler auf Rädern,
bei ihrem täglichen Weg von der Abholung der Speisen, die die
Frauen für ihre Ehemänner zubereiten, bis zur Abgabe in
den Büros und Geschäftshäusern. Er verbringt einen
Tag mit den Straßenjungen am Bahnhof Bombay Central, deren Arbeit
als Gepäckträger vom Takt des Fahrplans und von der Flucht
vor den Polizisten dirigiert wird. Er sieht sich ein Kricketmatch
an und versucht, die Ränke, die sich um die „nationale
Passion“ winden, zu entspinnen. Ebenfalls sehr interessant sind
die Texte zu den verschiedenen indischen Festen: der Kamelmarkt von
Pushkar, das Drachenfliegerfest, die „zehn Tage des rüsseligen
Herrn“ – das Fest zu Ehren des Elefantengottes Ganesh.
Ob in Rajasthan oder im Himalaya, im Monsun in Bombay oder bei Ayurveda
in Kerala, Trojanow schafft es immer, Beobachtungen und Fakten, Hintergrundwissen
und persönliche Empfindungen in Balance zu halten. Dazu gibt
er einen guten Schuss Poesie und es entsteht ein Gourmet-Lesegenuss,
der köstlicher und nahrhafter zugleich gar nicht sein könnte. Maren Schrobar
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