|  Autor:
Vikram Chandra
Übersetzt von: Barbara Heller, Kathrin Razum
Stilrichtung: Roman
Gebundene Ausgabe: 796 Seiten
Verlag: Aufbau-Verlag; Auflage: 1 (10/2006)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3351030916
ISBN-13: 978-3351030919
Rezension von: Sabine Adatepe für Happyindia.de
User Rezension
Ein Hund fliegt aus einem Fenster, ein Ehekrach mit
Geschrei und gezückten Messern, und wir sind mitten im kriminalistischen
Alltag von Inspektor Sartaj Singh in Bombay. Im Bengalen-Viertel wird
ein, offenbar selbst nicht ganz unschuldiger, Junge ermordet, Sartaj
und sein Mitarbeiter Katekar, ein eingespieltes Team, sind zur Stelle,
entscheidend voran kommen sie aber erst, als sich Wasim Ahmad, Sozialarbeiter
mit politischen Ambitionen, nicht ganz uneigennützig einschaltet.
Sartaj nutzt alte Kontakte und durchdringt den Dschungel aus Beziehungen,
die auf Verwandtschaft, Gefälligkeiten, Angst oder auch nur Ehrgeiz
beruhen.
Die Ermittlungen laufen, da erhält Sartaj einen
anonymen Tipp: Ganesh Gaitonde, der gefürchtete Mafiaboss, Kopf
der G-Company, von seinen Anhängern respektvoll Bhai genannt,
halte sich in Bombay auf. In einem scheinbar uneinnehmbaren Betonkubus
mitten in Kailashpada hat er sich verschanzt. Sartaj kommt nicht hinein,
Gaitonde nicht heraus. Über die Überwachungskamera nimmt
Gaitonde einen Dialog auf, der sich bald zum Monolog steigert. Endlich
gelingt es der Polizei, in den Kubus einzudringen ...
Warum ist Gaitonde nach Bombay zurückgekehrt? Warum sitzt er
in diesem merkwürdigen Kubus? Überraschend übernimmt
der Geheimdienst RAW die Ermittlungen. Während Sartaj in Sachen
Gaitonde nicht so recht von der Stelle kommt, taucht der Leser tief
in dessen Leben ein: Von Kapitel zu Kapitel wechselt die Erzählperspektive.
Gaitonde plaudert in aller Ausführlichkeit vom Beginn seiner
Gangsterkarriere und führt vor, wie stark Gesellschaft und System
von Korruption und illegalen Beziehungen durchsetzt sind. Der Machtkampf
zwischen der S-Company, geführt von Suleiman Isa, der aus Sicherheitsgründen
seit Jahren in Dubai lebt, und Gaitondes G-Company wird nicht nur
mit den jeweiligen "Jungs" und ganzen Stadtvierteln geführt,
sondern insbesondere mit Unterstützung der Polizei.
Zwei Exkurse stellen vorübergehend zwei Nebenfiguren
in den Vordergrund: Sartaj' Mutter erlebte als Kind die Teilung und
den Exodus der Hindus und Sikhs aus Pakistan nach Indien und der Muslime
in umgekehrter Richtung mit, verlor dabei die bewunderte große
Schwester, seither steht ihr Urteil über Muslime fest. Ihre Geschichte
allein enthält Stoff für einen ganzen Roman. Am Krankenbett
in Delhi sitzt die Agentin Anjali bei K.D. Yadav, einem Pionier des
indischen Geheimdienstes, der seine Sporen in der NEFA verdiente und
über Jahre auch Gaitondes Führungsoffizier war. Anjali erhofft
sich Hinweise. Doch Yadavs Bewusstsein ist zunehmend getrübt,
immer wieder taucht er in die Vergangenheit ab: Bilder flackern auf,
von seinem Einstieg beim Geheimdienst, von den vielen Jahren, die
er Anjali, selbst Tochter eines Geheimdienstlers, aufwachsen sah,
Bruchstücke von gefährlichen Einsätzen. Der Hinweis,
den er schließlich aus dem Halbbewusstsein fischt, ist wenig
beruhigend: Gaitondes Geld stammt aus pakistanischen Fälscherwerkstätten.
Religion ist ein stetes Thema. Sartaj als Sikh,
der einzige Sikh-Inspektor bei der Bombayer Polizei, steht in Sachen
Glauben und Tradition in einer Mittlerrolle, zwischen den Religionen
wie auch zwischen den Kasten.
Im Halbdunkel bleibt Gaitondes religiöse Wendung zum Hinduismus,
hatte er sich doch zunächst als "weltlichen Don" betrachtet,
der keinen Unterschied nach Religion oder Kaste machte. Die Ermordung
seines Mentors und Bankers Paritosh Shah löst eine Wende aus,
schließlich sind die Mörder Muslime. Bald ist Gaitonde
bekannt als "Hindu-Don" und knüpft immer engere Kontakte
zu seinem Guru. Vom Weltuntergang ist die Rede. Angst macht sich breit,
als klar wird, welcher Bestimmung Gaitondes Betonkubus dienen sollte
...
In der dritten Person wird von Sartaj, dem positiven
Helden, dem aufrechten, unbestechlichen Polizisten, attraktiven und
zugleich melancholischen Mann, berichtet. Sein Gegenspieler Gaitonde
hingegen spricht als Ich-Erzähler, so dass sich die Leserin unversehens
in seine Machenschaften, sein Seelenleben hineingezogen sieht und
zulassen muss, dass Vorbehalte, Klischee- und Moralvorstellungen zerbröseln.
Allgegenwärtig sind die Götter in ihren diversen Erscheinungsformen
und natürlich Bollywood, in Zitaten, aber auch durch Stippvisiten
in Film-City und ernüchternde Starlet-Geschichten.
Vikram Chandra, hat für diesen Megakrimi mit
Bollywoodanklängen sieben Jahre recherchiert, hieb und stichfest
erscheint jedes Detail, doch offenbar zu viel Material für nur
einen Band: Die Auflösung des kunstvoll geknüpften Gewebes
verspricht erst die Lektüre der Fortsetzung Bombay Paradise.
Keinen Roman über die Unterwelt habe er geschrieben, sagt Chandra,
sondern über die Gesellschaft. In der prallen Fülle dieser
rasanten Erzählung aus der brodelnden Megalopolis bleibt Chandra
immer noch Zeit für die großen, existenziellen Fragen nach
dem Sinn des Lebens, der Einsamkeit, dem Verhältnis von Illusion
und Realität.
Nicht zuletzt besticht der Roman durch seine Sprache,
hervorragend übersetzt von Barbara Heller und Kathrin Razum,
durchsetzt mit Hindi-Einsprengseln, zum Teil ganze Bollywood-Liedzeilen,
die in einem Glossar im Anhang erläutert sind.
Sabine Adatepe
Rezension online seit 11.1.2007
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