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Das Salz der drei Meere

von: Anita Nair
Originaltitel: Ladies Coupé
Übersetzt von: Angelika Naujokat
Stilrichtung:
Roman
Gebundene Ausgabe:
367 Seiten
Verlag: Dtv (Oktober 2006)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3423135077
ISBN-13: 978-3423135078
Rezension von: Vera Schwallbach für Happyindia.de

 

User Rezension

Anita Nairs 'Ladies Coupé' - so der Originaltitel - ist ein ganz und gar frauenzentrierter Roman. Ein Buch, das wieder einmal zeigt, wie hart es sein kann, eine indische Frau zu sein. Aber die vorgestellten Frauen sind alle auf ihre Art ziemlich starke Frauen und erringen zumindest kleinere Siege, so dass der Roman doch eine optimistische Note bekommt.

Die Hauptgeschichte und Rahmenhandlung kreist um Akhila - eine unverheiratete Frau von 45 Jahren, die nach dem Tode ihres Vaters (im Alter von 19 Jahren) die Rolle des Familienoberhauptes und der Ernährerin der Familie übernommen hat. Und irgendwie war sie dadurch nie dazu gekommen, an sich selbst zu denken oder zu heiraten. Ihr wurde die Stelle ihres Vaters bei der Steuerbehörde angeboten und sie nahm diese an, obwohl sie als eine der Besten ihre Prüfungen für die Zulassung zur Universität abgelegt hatte. An ein Studium war jedoch nicht mehr zu denken. Sie musste die Ausbildung ihrer drei jüngeren Geschwister finanzieren. In den Köpfen ihrer Familie hatte Akhila aufgehört, als Frau zu existieren und hatte sich bereits in eine alte Jungfer verwandelt. Als ihre kleine Schwester Padma 22 Jahre alt war, und Akhila eine Mitgift für sie zusammengestellt und einen Bräutigam für sie gefunden hatte, war sie selbst 34.

Eine neue Kollegin - eine Angloinderin namens Katherine Webber - wird ihre beste Freundin. Von Katherine lernt Akhila Eier essen - etwas Ungeheuerliches für eine südindische Brahmanin - und mit Katherine teilt sie ihre geheimsten Gedanken. Bis Katherine nach Australien auswandert.
Auf der Bahnfahrt zur Arbeit lernt sie eine Tages Hari kennen, einen jungen Mann, ca. 10 Jahre jünger als sie. Sie werden erst Freunde und dann Liebende. Aber Akhila beendet die Beziehung wieder, weil sie glaubt, dass sie aufgrund des Altersunterschiedes keine gemeinsame Zukunft haben können.

Vor fünf Jahren, nach dem Tod ihrer Mutter, wurde sie nach Bangalore versetzt, wo ihre Schwester Padma wohnt. Eigentlich eine zweite Chance für sie, ihr Leben umzugestalten, aber die hatte sie verpasst - beziehungsweise damals gar nicht wahrgenommen. Die schöne Dienstwohnung, die sie bekam, wurde ihr dadurch verleidet, dass ihre egoistische Schwester samt Familie ungefragt bei ihr einzog. Akhila hatte es nicht übers Herz gebracht, es ihr zu verweigern, hatte ein weiteres Mal auf ein Privatleben verzichtet.

Doch dann trifft sie eine Freundin aus Kindheitstagen wieder, die sie ermutigt, endlich ihr eigenes Leben zu leben. Sie verkündet ihren Geschwistern, dass sie sich eine eigene kleine Wohnung kaufen und dort allein leben will. Und dann macht sie als ersten Schritt in ihrem neuen Leben zum ersten Mal eine Reise allein, nach Kanyakumari, zum südlichsten Punkt Indiens, an dem drei Meere aufeinander treffen. Und zum ersten Mal seit vielen Jahren kleidet sie sich nicht mausgrau, sondern in einen farbenfrohen Sari und beginnt ihre Reise im 'Ladies Coupé', einem speziellen Abteil für Damen, das es bis Anfang 1998 in den meisten indischen Schlafwagen mit Zweite-Klasse-Abteilen gab.
Dort trifft sie auf ihre 5 Mitreisenden: Janaki, Prabha Devi, Margaret, Sheela und Marikolanthu. In dieser rein weiblichen Umgebung öffnen sich alle und die Frauen aus den unterschiedlichsten Kasten, Schichten, Regionen und Altersgruppen erzählen einander aus ihrem Leben. Diese Erzählungen bestärken Akhila in ihrem Entschluss, endlich einmal auch an sich selbst zu denken und ihr eigenes Leben zu leben.

Die Geschichten der Frauen sind ziemlich tragisch, aber alle haben einen Weg gefunden, zu einer für sie akzeptablen Lösung zu kommen. Akhila bleibt ein paar Tage in Kanyakumari - es kommt auch zu einer sexuellen Begegnung mit einem jungen Mann - und spürt dann, dass sie jetzt bereit ist, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, so wie die Frauen, die sie auf der Reise kennengelernt hat. Kurz bevor sie wieder abreist, ruft sie Hari an, den Mann, den sie geliebt hat, denn das ist ein loses Ende in ihrem Leben, etwas, das sie ewig plagen würde, wenn sie keine Klärung herbeiführt …
Wie das Telefonat verläuft, erfahren wir nicht mehr, das bleibt unserer Vorstellungskraft überlassen. Aber egal, wie es ausgeht, Akhila wird jetzt damit zurecht kommen.

Eine wunderbar geschriebene, spannende und anrührende Geschichte, in der man durch die Hauptfigur und ihre Reisegefährtinnen auch sehr viel über Indien erfährt - das wirkliche Indien, nicht das Indien der Bollywoodfilme.

Vera Schwallbach
Rezension online seit 31.10.2007

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