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Autor:
Amitav Ghosh
Übersetzt von: Barbara Heller & Rudolf Hermstein
Stilrichtung: Roman
Gebundene Ausgabe: 656 Seiten
Verlag: Blessing (8/2008)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3896673599
ISBN-13: 978-3896673596
Rezension von: Vera Schwallbach für Happyindia.de
User Rezension
Nachdem ich "Der Glaspalast" von Amitav
Ghosh begeistert verschlungen habe, war ich sehr gespannt auf sein
neues Epos und wurde nicht enttäuscht. Wir treffen auf eine Vielzahl
von Personen, deren Schicksale, wie sich im Schlussteil des Buches
zeigt, alle miteinander verwoben sind. Das kann manchmal etwas verwirrend
sein, ist aber immer spannend.
Der Roman spielt um das Jahr 1830 im Indien der Kolonialzeit,
als die Engländer die Bauern gezwungen hatten, Mohn für
die Produktion von Opium anzubauen, das sie für den lukrativen
Chinahandel brauchten. Das führte nicht nur dazu, dass es wenig
bis nichts zu essen gab, sondern auch dazu, dass viele der Bauern
und der Fabrikarbeiter süchtig wurden.
Die Hauptfigur, Diti, ist mit einem süchtigen
älteren Mann verheiratet worden. Als dieser stirbt, will sie
sich als Witwe mit ihm verbrennen lassen, doch Kalua, ein armer, niedrigkastiger
Kutscher und Freund der Familie, rettet sie aus dem Feuer. Die beiden
müssen fliehen, denn ihre Verbindung ist absolut unzulässig.
Ferner treffen wir Zachary Reid, einen Zimmermann aus Baltimore, illegitimer
Sohn einer Sklavin und ihres weißen Herrn, der auf der Ibis,
einem ehemaligen Sklavenschiff, das nach Indien verkauft wurde, anheuert
und sich als Weißer ausgibt. Paulette Lambert ist eine junge
Französin, deren Vater, Leiter des Botanischen Gartens in Kalkutta,
verstorben ist - der bigotte englische Händler Burnham nimmt
die Waise in seine Familie auf … und hat dabei sexuelle Hintergedanken.
Burnham eignet sich auch auf unlautere Weise die Ländereien des
Raja Nil Rattan an. Es findet die Farce einer Gerichtsverhandlung
statt, bei der der Raja des Betrugs für schuldig befunden, ins
Gefängnis geworfen und schließlich zur Zwangsarbeit nach
Mauritius geschickt wird - ein Schock für ihn, der an einen feudalen
Lebensstil gewöhnt ist.
Wir lernen die Schicksale dieser und weiterer Personen kennen und
erfahren nebenbei viel über die Kolonialzeit, die indische Gesellschaft
mit ihren starren Kastenregeln und die Opiumproduktion. Der Weg der
Hauptprotagonistin Diti zieht sich von den Mohnfeldern des heutigen
Bihar unaufhaltsam den Ganges hinunter nach Kalkutta, wo sie und Kalua
und der größte Teil der übrigen Protagonisten auf
der Ibis landen, die Burnham für den Opiumhandel erworben hat.
Die Fahrt beginnt, und die geltenden hierarchischen Strukturen beginnen
sich aufzulösen. Wir sind noch weit von Mauritius entfernt: zwei
der Wanderarbeiter haben geheiratet, ein Mord ist geschehen, der mutmaßliche
Mörder auf einem Rettungsboot geflohen … und dann ist das
Buch zu Ende.
Das hat mich zutiefst frustriert mit zahlreichen
unbeantworteten Fragen zurückgelassen, bis ich erfahren habe,
dass "Das mohnrote Meer" der erste Teil einer geplanten
Trilogie ist. Jetzt heißt es Geduld zu haben, bis die Fortsetzung
erscheint.
Bis auf das etwas plötzliche Ende ein richtig toller Schmöker,
ein weit ausholender spannender historischer Roman, der mich von Anfang
bis Ende gefesselt hat. Amutav Ghosh ist ein begnadeter Erzähler,
der fabuliert, dass es nur so eine Lust ist. Besonders scheinen ihn
unterschiedliche Dialekte und Sprachniveaus zu faszinieren. Ich habe
das englische Original nicht gelesen, habe aber den Eindruck, dass
die deutsche Übersetzung in diesem Punkt sehr gelungen ist, z.B.
in der Art, wie das besondere Pidgin der Laskaren vermittelt wird,
das von französischen Wörtern durchsetzte Englisch von Paulette
und die Sprache der Koloniallady Mrs. Burnham, deren Sprache vor Hindi-Ausdrücken
strotzt.
Das Schöne daran ist auch, dass dieser Schmöker
trotz seiner guten Lesbarkeit eben kein Schundroman, keine "guilty
pleasure" ist, sondern brillant geschriebene Literatur, die uns
anhand der Schicksale der Protagonisten, geschichtliche Tatsachen
in unterhaltsamer Weise nahe bringt und auch eindeutig eine antikoloniale
Stellung bezieht.
Wem "Bengalisches Feuer oder die Macht der Vernunft" und
"Der Glaspalast" gut gefallen haben, der wird auch dieses
Buch mit Begeisterung lesen. Einziger Wermutstropfen ist der "Cliffhanger"
am Ende.
Vera Schwallbach
Rezension online seit 22.09.2008
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