/Buchrezensionen/Das Geheimnis des indischen Tanzes. Lotosblüten öffnen sich

Das Geheimnis des indischen Tanzes. Lotosblüten öffnen sich

Autor: Anjali Sriram
Stilrichtung:
Sachbuch
Broschiert:
239 Seiten
Verlag: Schirner; Auflage: 1 (2/2007)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3897673037
ISBN-13: 978-3897673038
Rezension von: Anja Grover für Happyindia.de

 

User Rezension

Dieses Buch ist eine neue Ausgabe von Anjali Srirams 'Lotosblüten öffnen sich', das bereits 1989 beim Kösel Verlag erschienenen ist. Der damalige Untertitel macht deutlich, worum es in diesem Buch vor allem geht: Indischer Tempeltanz – ein Weg zur Selbstentfaltung. Man soll sich nicht von der bonbonbunten äußeren Aufmachung der neuen Ausgabe täuschen lassen, die in ihrem Stil an Bollywood erinnert. Auch werden hier keine indisch-esoterischen Geheimnisse hinter vorgehaltener Hand populärwissenschaftlich verbreitet, um dem Leser eine Instant- Erleuchtung zu bescheren. Vielmehr möchte Anjali Sriram dazu anregen, wie sie im Vorwort schreibt, dem sakralen Tanz nachzuspüren und sich auf den Weg zum vergessenen Selbst, zum inneren göttlichen Antlitz, zu machen.

Anjali Sriram hat sich selbst auf diesen Weg gemacht und über ihre Erfahrungen und ihre Einsichten dieses sehr persönliche Buch geschrieben. Bereits seit ihrer Kindheit war die Deutsche fasziniert von der indischen Kultur. Als sie zum ersten Mal eine Vorstellung des klassischen südindischen Tempeltanzes Bharatanatyam sah, war sie Ballettschülerin, aber dieser indische Tanz schien ihr all das geben zu können, wozu das Ballett nicht ausreichte. In schwärmerischen Worten beschreibt sie diese erste Begegnung mit dem Tempeltanz und diese Begeisterung bleibt bis zur letzten Seite spürbar. Das ganze Buch ist in einer sehr schönen und poetischen Ausdrucksweise geschrieben, die durchaus gewöhnungsbedürftig ist. Stellenweise liegt Sriram mit ihren oft auch sehr schwelgerischen Beschreibungen nah an der Grenze zum Kitsch. Das Innere des Buches ist allerdings sehr ästhetisch gestaltet. Der Text der ersten Ausgabe ist unverändert beibehalten, jedoch sind einige Zeichnungen ergänzt, die für den Laien hilfreich sind.
Um Bharatanatyam zu erlernen geht Anjali Sriram schließlich nach Indien, wo sie dann zehn Jahre lebt. Was sie in dieser Zeit über den Bharatanatyam lernt und durch die Auseinandersetzung mit dieser Tanzform erfährt, beschreibt sie in den folgenden Kapiteln, wobei sie vom Äußeren zu immer tieferen inneren Aspekten des Tanzes geht. Besonders wichtig sind für sie die Handgesten (Mudras). Jedem Kapitel ist ein Mudra vorangestellt und am Ende jedes Kapitels finden sich Fotos, die das jeweilige Mudra im Tanz und im alltäglichen Gebrauch darstellen. So wird deutlich, dass diese Tanzkunst, obwohl sie sakral ist, auch mit dem alltäglichen Leben der Menschen verbunden ist.

Anjali Sriram gibt eine kurze Zusammenfassung vom Mythos der Entstehung des Tanzes und der heute noch gebräuchlichen Tanzlehrschrift Natyashastra. Immer wieder versteht sie es, mythologische Geschichten und historische Fakten nebeneinander zu stellen und so zu einem Gesamtbild zu verschmelzen. Sie beschreibt anschließend die Symbolik des Kostüms, wobei sie auch auf die Bedeutung der Chakren eingeht.

Bevor Anjali Sriram auf die eigentlichen Tanzbewegungen zu sprechen kommt, betont sie noch einmal die Wichtigkeit der inneren Einstellung und Hingabe der Tänzerin: „Die Kraft der Erde und die Weite des Geistes verbinden sich im Körper der Tänzerin…“ (S. 46), damit im Bharatanatyam mit sinnlichem Erleben das Irdische überwunden werden kann. Es folgt ein Überblick über die verschiedenen Fußpositionen, die Handgesten, die Augen-, Hals- und Kopfbewegungen sowie die verschiedenen Grundschritte. In diesem Zusammenhang wird ebenfalls das traditionelle indische Verständnis der Begriffe Mandala und Mudra erläutert.
Nun kommt Anjali Sriram zu einem der Kernpunkte des Bharatanatyam, der Theorie von Rasa und Bhava. Diese Theorie ist ein fast psychologischer Versuch, die Wirkungsweise des klassischen indischen Tanzes auf den Zuschauer zu erklären. Der Zuschauer lässt sich hierbei nicht passiv berieseln, sondern ist aktiv Genießender, von dem die Bereitschaft, sich auf die dargestellten Gefühle einzulassen, erwartet wird, damit er nicht nur das äußere Bild, sondern auch den Inhalt wahrnimmt. Ein weiterer Kernpunkt ist die Sehnsucht des Menschen nach Vereinigung mit Gott, dargestellt durch die Liebe einer Frau. In der Interpretation dieser Liebeslieder, die hier z.T. erstmalig auf Deutsch übersetzt wurden, zeigt sich die ganze innere Reife einer Tänzerin, denn nur so lassen sich subtilste Nuancen im Ausdruck hervorrufen um den Zuschauer zum vollsten ästhetischen Genusserlebnis zu führen.
Anschließend beschreibt Anjali Sriram die besondere Bedeutung des Lehrmeisters für den klassischen indischen Tanz. Diesen Beruf haben traditionell Männer ausgeübt. Sie waren wichtige Orchestermusiker, Tanzlehrer und kreative Tanzschöpfer, als Bewahrer der Tradition und Kenner der der Schriften waren sie geachtet und respektiert, sie waren der Guru für die Tänzerin.
Die Tänzerinnen selbst hatten früher ebenfalls eine besondere Stellung, wie der Leser erfährt. Anjali Sriram erklärt den matriarchalen Kult der Devadasis, der tanzenden Priesterinnen in den Tempeln, vor dem religiösen Hintergrund der Anbetung der weiblichen Energie Shakti. Für diese soziale Sonderstellung der Devadasis werden im Buch viele Beispiele gegeben. Dass das alles nicht aus der Luft gegriffen ist, wird deutlich, wenn die Autorin ihre Erläuterungen mit Beschreibungen aus anderen Bereichen oder archäologischen Fakten belegt.

In der Ausübung des Bharatanatyam sieht Anjali Sriram das ideale Mittel, um jeden Menschen auf seinem individuellen Weg zu unterstützen, denn „Könnte es jemals eine andere Bedeutung für Tanzen gegeben haben als höchste Glückseligkeit, uneingeschränkte Freiheit und die göttliche Gnade der … Erleuchtung?“ (S. 225) Diese Lebensziele möchte Anjali Sriram niemandem vorenthalten.
Wer also eine Tanzanleitung sucht mit Sofort-Erfolgsgarantie in Stil von „rechten Arm strecken und linkes Knie beugen“, der ist mit diesem Buch falsch beraten. Mir hat es gefallen, weil hier durch alles vermittelte Wissen hindurch die persönliche Erfahrung der Autorin spürbar wird, ihre Begeisterung, die einfach ansteckt.

Anja Grover
Rezension online seit 06.03.2008

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