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 von:
Suketu Mehta
Übersetzt von: Anne Emmert, Heike Schlatterer, Hans
Freundl
Stilrichtung: Roman
Gebundene Ausgabe: 781 Seiten
Verlag: Suhrkamp; Auflage: 1 (August 2006)
Sprache: Deutsch
ISBN: 3518418424
Rezension von: Maren Schrobar für Happyindia.de
User Rezension
Suketu Mehta freut sich, an einem kalten Tag eine
volle Buchhandlung zu sehen. Schließlich habe er in Boston auch
schon in einem Riesensaal vor ganzen zwei Zuhörern gesessen.
Es ist der 1. November 2006, ein ungemütlicher, kalter Tag, aber
in der tatsächlich überfüllten Berliner Buchhandlung
Marga Schoeller herrscht eine angenehme, erwartungsvolle Stimmung:
Suketu Mehta stellt sein Buch „Bombay – Maximum City“
vor.
Suketu Mehtas Werk ist voller Geschichten, und er
selbst ist es auch. Humorvoll, witzig, ironisch, treffend erzählt
er in seinem Buch und während der Lesung. Mehta verließ
Bombay und kehrte zurück nach Mumbai. Davon und von seiner Frage
nach dem, was die Stadt seiner Kindheit heute ausmacht, handelt das
Buch. Es beschreibt Bombay als Maximum City: voller Menschen, Extreme,
Gegensätze, Gewalt, Brutalität, aber auch Poesie. Letztere
verwandelt die Dokumentation in ein künstlerisches Werk, in dem
Platz ist für Beobachtungen wie ein einziges rotes Blatt am grünen
Mandelbaum oder die platzenden Tropfen des Monsunregens, und in dem
reale Personen fast zu Romanhelden werden. Warum aber sollten sich
Leser aus Paris, New York oder Berlin überhaupt für eine
Stadt wie Bombay mitsamt ihren Problemen interessieren? Weil die zukünftigen
Einwohner von Paris, New York oder Berlin vielleicht heute in Bombay
geboren werden, so Mehta. Das Problem der Mega-Cities, der Großstädte
mit über 10 Millionen Einwohnern, die wie Bombay jährlich
immens anwachsen, betrifft die gesamte Welt. Laut eines UN-Berichts
ist ein Meilenstein der Menschheit erreicht: Wir sind eine urbane
Spezies geworden, und die Landflucht hält an. In der Stadt, so
Mehta, lebe man zwar schlecht (in Bombay leben 60% der Bevölkerung
in Slums), aber man verhungere nicht. Nur eine Verbesserung der Lage
auf dem Land könnte diesen Stadtzulauf stoppen.
Es
gibt, laut Mehta, jedoch noch einen anderen wichtigen Grund dafür,
dass es so viele Menschen nach Bombay zieht, und der heißt schlicht
und einfach Bollywood. Bombay, die „Maximum City“, beinhaltet
schließlich auch die „Maximum Filmcity“, wo ein
wesentlicher Teil der jährlich erscheinenden fast 900 Hindi-Filme
gedreht werden. Um Bollywood, den „Traum der Inder“, zu
erforschen, schleuste sich Mehta ins Herz der Filmindustrie ein und
gelangte als Co-Drehbuchautor von Mission Kashmir hinter die verschlossenen
Türen der Filmcity. Dort begegnete er Amitabh Bacchan und seiner
schlaflosen Familie, einem Tee kochenden Sharukh Khan (beide sollten
ursprünglich die Hauptrollen spielen, waren aber zu teuer) und
einem unverschämt gutaussehenden, aber noch kaum bekannten Hrithik
Roshan (der die Rolle Sharukhs bekam, weil er so billig war). Wodurch
erklärt sich die Beliebtheit Bollywoods, in Indien und außerhalb
des Landes? Bollywood sei immer dort erfolgreich, so Mehta, wo man
noch an wahre Liebe, Patriotismus und Mutterschaft glaube und sozusagen
in einem Stadium VOR dem Zynismus lebe. (Wir in Deutschland hingegen
scheinen mir eher in einem Post-Zynismus-Zustand zu sein – mit
Lust am Kitsch zurück zum Traum vom Leben bzw. zumindest weg
vom Alltag und der „deutschen Krise“.) Das Bemerkenswerte
an Bollywood sei außerdem – neben der Tatsache, dass es
Hollywood zumindest in Indien keine Chance einräumt (Hollywood-Filme
machen nur 5% aus) – , dass es immer säkular geblieben
sei, selbst in Zeiten des Hindi-Fundamentalismus’. Auch in Pakistan
würde Bollywood geliebt, und das sogar während aller kriegerischen
Auseinandersetzungen. Ein pakistanischer Soldat, der tagsüber
versuchte, Hindis zu töten, konnte sich abends also durchaus
einen Hindi-Film reinziehen. Während seiner Recherchen in Pakistan
für einen Artikel über Bollywood, fragte Mehta einen Pakistani,
wie es möglich sei, dass ein Hindi-Film schon einen Tag nach
seiner Premiere in Pakistan liefe. Der Pakistani war empört:
„Wieso einen Tag danach? Wir zeigen den Film bereits einen Tag
vorher!“
„Alles, was man über Bombay und über
Indien sagt, ist gleichzeitig richtig und falsch.“, so Mehta.
Stadt wie Land sind dermaßen gewaltig, dass sie sich nicht einfach
fassen lassen. So ist Bombay auf der einen Seite voller Gegensätze
und Gewalt unter den Menschen, auf der anderen Seite herrschen Solidarität
und Nächstenliebe. Als die Stadt während des Monsuns im
vergangenen Jahr buchstäblich im Wasser versank, halfen sich
die Menschen gegenseitig, während die Regierung durch Abwesenheit
glänzte. Slum-Bewohner retteten Menschen aus ihren Autos von
den überschwemmten Highways; wo in einer Hütte bereits sechs
Personen lebten, wurde Platz für einen Siebten gemacht. Dieselbe
Solidarität fand sich auch nach den diesjährigen Bombenattentaten
wieder. Die Resignation sei jedoch einer wachsenden Wut auf die Regierung
gewichen: „Die Menschen erwarteten mehr als sie ganz offensichtlich
bekamen“.
Suketu Mehtas Buch wurde in der deutschen Presse
herausragend rezensiert. In Indien war es ebenfalls ein Riesenerfolg:
„Die Menschen liebten das Buch, und was noch besser war, sie
kauften es sogar.“ Rang 2 der Bestsellerliste bedeutete allerdings
auch, dass Raubkopien nicht ausblieben. Bei einem Besuch in Bombay
versuchte ein Kind, Suketu Mehta einen Raubdruck seines Buches für
600 Rupien zu verkaufen. Als er sagte, er habe das Buch selbst geschrieben,
überlegte das Kind nur kurz: In diesem Fall könne er das
Buch für 400 Rupien bekommen. Was dem Autor und seinen Verlegern
vor der Veröffentlichung des Werkes Sorge bereitete, war die
mögliche Reaktion der radikal-fundamentalistischen Shiv Sena-Partei.
Diese sei nämlich bekannt dafür, durchaus schon mal Schlägertrupps
auf unbequeme Schriftsteller loszulassen. Eine Schlagzeile in einer
Zeitung verriet kurz nach der Veröffentlichung, dass das Buch
im Parlament erörtert werden sollte. Statt jedoch wie erwartet
das Werk zu zerreißen, nutzte ein Sprecher der Shiv Sena-Partei
ausgerechnet Mehtas Buch, um seine These, Outsider sollten aus Bombay
fernbleiben, zu untermauern. Ein Mitglied der Kongresspartei, wies
den Sprecher darauf hin, dass die Shiv Sena-Partei im zweiten Kapitel
des Buches nicht gerade gut dargestellt sei. Worauf der Shiv Sena-Vertreter
eine Antwort gab, die laut Mehta so wohl nur im indischen Parlament
zu finden sei: „Ich werde nur die Fakten akzeptieren, die mir
passen!“
Während seiner Recherchen interviewte Mehta
viele Personen der Unterwelt in einem speziell dafür angemieteten
Apartment, um seine Familie zu schützen. Seine Interviewpartner
kamen zu ihm fast wie in eine psychiatrische Praxis und erzählten
nach einigen Drinks sehr offen über ihr Leben und das Morden.
Zwei Personen jedoch waren selbst für das Büro zu gefährlich,
mit ihnen traf er sich in einem Hotelzimmer. Einer von ihnen, ein
strikter Vegetarier, saß mit geladener Pistole vor dem Autor
und fragte: „Hast du Angst vorm Sterben?“ „Ja.“
„Was, denkst du, wird passieren, wenn du gestorben bist?“
(Er sagte 'wenn du gestorben bist’ und nicht falls du sterben
wirst’, bemerkte Mehta bei sich.) Da Mehta aufgefallen war,
dass sein Gegenüber ein gläubiger Hindu war (er hatte Gebete
gesprochen, seine Pistole geküsst und den Tod als seinen Gott
bezeichnet), entgegnete er, seine Religion lehre ihn, dass er nach
dem Tod Moksha, die Erlösung, erreichen werde. „So einfach,
denkst du, ist es Moksha zu erreichen?“ fragte der Killer. Nun
ja, sagte Mehta, wegen seiner vielen Sünden im derzeitigen Leben
würde er als Ameise wiedergeboren werden, wenn er jetzt sterben
würde. Der Killer ließ die Pistole sinken. Er hätte
kein Problem damit gehabt, Mehta zu töten, aber sein schlechtes
Karma wollte er nicht verantworten.
In diesem ganzen Sumpf von Gewalt und Problemen suchte
Mehta nach Hoffnung und fand sie – ausgerechnet in den überfüllten
Vorortzügen: „Wenn man in Bombay morgens spät dran
ist und erst am Bahnhof ankommt, wenn der Zug schon abfährt,
kann man noch zu den vollgestopften Abteilen rennen, aus denen sich
einem viele Hände entgegenstrecken, sich wie Blütenblätter
entfalten. Während man neben dem Zug herläuft, wird man
hochgehoben, und es wird ein winziges Eckchen am Eingang für
die Füße freigemacht. Den Rest muss man selbst besorgen.
Wahrscheinlich muss man sich mit den Fingerspitzen am Türrahmen
festklammern und aufpassen, dass man sich nicht zu weit hinauslehnt
und von einem der nächsten Strommasten enthauptet wird. Doch
was ist geschehen? Die Mitreisenden, die bereits enger zusammengepfercht
sind, als es für Vieh gesetzlich erlaubt ist, [...] machen Platz,
wo es keinen gibt, nehmen noch eine zusätzliche Person mit. Und
in dem Moment, in dem sie zupacken, wissen sie nicht, ob die Hand,
die sich ihnen entgegenstreckt, die eines Hindus oder Muslimen oder
Christen oder Brahmanen oder die eines Unberührbaren ist, [...]
ob er aus Bombay oder aus Mumbai oder aus New York kommt. Sie wissen
nur, dass er in die goldene Stadt will, und das reicht völlig
aus. Komm an Bord, sagen sie. Wir rücken zusammen.“
Um abschließend mit Salman Rushdie zu sprechen,
„dieses Buch verdient es, von vielen Menschen gelesen zu werden.“
Mehr noch, es ist eine wahre Freude, es zu lesen. Die Geschichten
sind spannend, interessant, witzig, unterhaltsam, unglaublich, erschütternd,
schön – und vor allem sind sie real. Was man aber zwischendurch
gerne vergisst und ganz in Bombay – Maximum City eintaucht.
Maren Schrobar
Rezension online seit 13.11.2006
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