/Buchrezensionen/Sieben mal sechs ist dreiundvierzig

Sieben mal sechs ist dreiundvierzig

von: Kiran Nagarkar
Originaltitel: Saat Sakkam Trechalis
Übersetzt von: Ditte Bandini, Giovanni Bandini
Stilrichtung:
Roman
Gebundene Ausgabe:
360 Seiten
Verlag: A 1 Verlagsges. (9/2007)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 392774395X
ISBN-13: 978-3927743953
Rezension von: Sabine Adatepe für Happyindia.de

 

User Rezension

Mit 7x6=43 liegt nach den drei Welterfolgen Nagarkars nun auch sein erster Roman in ungekürzter Übersetzung vor, eine Herausforderung für das Übersetzerpaar Bandini, mussten sie doch gleich aus drei Sprachen mit ihren jeweiligen Einfärbungen übertragen: Marathi, Hindi und Englisch. Denn Nagarkar, für seinen eigenwilligen Schreibstil bekannt, schrieb, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, wie sich das Leben vor ihm ausbreitete – wie es im multilingualen Indien eben selbstverständlich ist. Als das Original 1974 erschien, wurde es als Meilenstein der Marathi-Literatur gefeiert, und zugleich angezweifelt, ob derart fragmentierte Prosa überhaupt ein Roman sein könne.

So verzweifelt disharmonisch wie die titelgebende Gleichung erscheint dem Ich-Erzähler Kushank das Leben selbst. Zwischen College und beruflicher Selbstfindung, auf der Suche nach Liebe zwischen drei Frauen zerrissen, wühlt Kushank sich durch einen Wust von Erinnerungen, chronologischen oder auch nur logischen Erzählfluss völlig außer Acht lassend. An beeindruckenden Episoden mangelt es nicht: Die Reise mit Freund Raghu, der für eine internationale Hilfsorganisation unterwegs ist, in ein Hungergebiet bzw. in tiefste menschliche Abgründe; kurze, intensive Zeiten des Glücks etwa mit der frühen Liebe Aroti, die sich als Mutter einer behinderten Tochter bald in den Abgründen des Alltags verliert, oder mit Chandani, die sich entzieht, je näher Kushank ihr kommt; der langsame Tod der ungeliebten Tante.

Der Autor bricht Kushanks Leben in zahllose Splitter voller Leben und Tod, voller Freude und Abscheu. Orte, Zeiten, Personen wechseln ebenso unvermutet wie Stimmungen und Ereignisse. Wer sich auf dieses atemberaubende Leseabenteuer einlässt, merkt nach dem Abebben der ersten Schockwellen doch, wie Nagarkar Protagonisten und Leser mit sicherer Hand durch Höhen und Tiefen eines Trümmerfeldes führt. Kushank saugt mit jedem Atemzug ein, was das Leben ihm bietet. "Ich bin ein einziges schlürfendes Auge", erkennt er in einer schockierenden Kindheitserinnerung. Doch schockieren kann nach der fulminanten Einleitung mit Prachintis Flammentod eigentlich kaum noch etwas. Glaubt man, es nicht mehr aushalten zu können, kommt es nur noch schlimmer: "Dasein kommt nur in zwei Varianten vor: entweder als Zufügen oder als Erleiden von Schmerz." Nagarkar findet Bilder und Wendungen wie Krallen, die man glaubt, nie wieder vergessen zu können, z.B. ein Motorrad, "blubbernd wie ein missvergnügtes, frisch transplantiertes Herz".

Der Leser klammert sich an jeden Lichtstreifen epischer Erzählung, ist bereit, bissige Ironie als Humor hinzunehmen, um drastische Schilderung auch und vor allem der hässlichen Seiten zwischenmenschlicher Beziehungen und quälende Ungewissheit über das verworrene Beziehungsgeflecht ertragen zu können. Da steht man wie unter einem Fenster, aus dem wütend zerfetzte Fotoschnipsel geworfen werden, jeder Fitzel die Aufforderung, das Ganze zusammenzupuzzeln. Die Mühe lohnt!



Sabine Adatepe
Rezension online seit 15.01.2008

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