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"Britannien will keine asiatischen Popstars!"

Indische, pakistanische und bengalische Musiker zweiter Generation in London

von Thomas Burkhalter

Londons Inder, Pakistani und Bengalen - in Grossbritannien Asiaten - der zweiten und dritten Einwanderergeneration gehen verschiedenste Wege: Während die einen ihr Glück in abgeschotteten Communities suchen, zielen andere auf einen Durchbruch in der "weissen" Welt. Als Szene verstehen sich die britisch-asiatischen Musiker kaum - Querelen über den Preis des kommerziellen Erfolges dominieren. Einblicke ins asiatische London, in ein kaum fassbares Beziehungsgeflecht von Solidarität, Intrige und Neid, Fusion und Konfusion.

Inder lieben Curry und pflegen mit ihren Miss-Universe-Beauties Kamasutra. Sie offerieren kulinarische Köstlichkeiten, Räucherstäbchen wie Sitarmusik und ziehen sich stets bescheiden zurück - zum meditieren natürlich. Wäre ich 7000 Kilometer weiter östlich, ich würde eine Postkarte vom Taj Mahal schicken, mit einer Kuh drauf vielleicht. Essentielles schriebe ich: "Indien = Farben, Gerüche und Religion" - doch lassen wir das Spiel mit Stereotypen.
Regen, Regen - die nasse Insel also ist kein Klischee - und Regen. Ich bin in Southall, dem asiatischen Viertel in der Anflugschneise zu London Heathrow. "Asians to bomb London" und "Have you ever sampled an Indian?" steht auf den Flyern, die mir Bobby Friction, britisch-indischer Sikh ohne Turban (dafür mit Stachelfrisur), zusteckt. "Eine Medienoffensive von Outcaste Records aus dem Jahre 1996", grinst er auf den Stockzähnen. Und: "Wir Asiaten werden Grossbritannien kulturell übernehmen - gewaltfrei natürlich. England wird für seine kolonialen Schandtaten zahlen. In zweihundert Jahren werden sich England und Indien kulturell nicht mehr unterscheiden, die Engländer indische Sprachen sprechen."
"The New Asian Kool", "Asian-produced second-generation pop", "The Asian Breakbeat Culture" und "Asian Underground": Namen über Namen gab das 96er Buch der University of London "Dis-Orienting Rhythms - the Politics of the New Asian Dance Music" der inexistenten britisch-asiatischen Musikszene: "Zu politisch und theoretisch", meckert DJ Ritu, Britin indischer Herkunft. "Nicht alle Asiaten machen politische Musik." Zudem zeige das Buch nur einen Ausschnitt: "Unsere Generation besteht nicht nur aus Asian Dub Foundation, Joi oder Fun'da'mental. Jeder von uns konstruiert eine eigenständige Identität und organisiert die Musik der Elternkultur und der britischen Heimat auf vielfältigste Art und Weise. Wir sind Individuen."



Sommer 98, Herbst 99 und Frühling 00. Dreimal London. Dreimaliges Eintauchen in die britisch-asiatische Musikwelt, die zurzeit auf einer Erfolgswelle reitet: Verträge bei westlichen Megalabels, Talvin Singhs Auszeichnung mit dem begehrten britischen Mercury Music Award, seine Absage auf Blairs Labour-Parteitag-Einladung, Cornershops Nummer 1 Sommerhit "Brimful of Asha" und die begeisternden Asian Dub Foundation sind einige Highlights der letzten Jahre. Was ergeben meine Recherchen, Interviews und Freundschaften? Es besteht ein nicht fassbares Beziehungsgeflecht zwischen Solidarität, Intrige und Neid. Zudem scheint die Frage "kommerzieller Erfolg ja oder nein?" zentral.
"Erfolg habe zu tun mit verkauften Einheiten, sagen die Leute. Ich frage, verkauft Mac Donalds den besten Food der Welt?", mokiert sich Aki Nawaz, pakistanischer Brite, Chef von Nation Records und der Gruppe Fun'da'mental und einst Mitglied der legendären Punktruppe The Cult. "Die Sucht nach kommerziellen Erfolgen droht unsere eigentliche Botschaft zu ruinieren. Zu viele Musiker münzen den Trend nach britisch-asiatischer Musik in schnelles Geld um. Sie befriedigen die Indien-Träume der Westler - genau dagegen kämpfen wir seit Jahren an. Ich sorge mich um unsere bald 10-jährige Bewegung."

Asiatische Parallelwelt

Ein Blick zurück: Jahrelang haben die asiatischen Immigranten Englands indische Kunstmusik, Hindi-Filmsongs (Bollywood), Light Ghazals, ins Hindi- oder Punjabi übertragene Lieder von Abba bis Madonna oder westliche Popmusik interpretiert und konsumiert. Bhangra - ursprünglich Volksmusik aus dem Punjab, geprägt durch die pulsierenden Rhythmen der Dhol-Trommel - kann als erste eigenständige kulturelle Weiterentwicklung der Einwanderer gesehen werden. Sie wird mit westlichen Musikelementen durchsetzt und nimmt neuste Strömungen auf: Bhangra Beat, Rock Bhangra, House Bhangra, Ragga Bhangra...

Gespielt wird diese Musik lediglich an privaten Partys und Hochzeiten, bleibt so in den asiatischen "Ghettos" - und das "weisse" England nimmt sie nicht wahr. Ihre Industrie aber blüht; Kassetten Hunderter von Bands werden in Mengen abgesetzt, die ihre Produzenten locker in die nationalen Charts hievten - würden die britischen Verkaufskanäle sie registrieren. Bhangra ist eine Schattenkultur, das erlebe ich im Oktober 99 beim Auftritt des erfolgreichen Panjabi MC im Londoner Club "The Complex". Ich fühle mich als Exote an einem asiatischen Event. Als einziger Weisser erlebe ich das ausgelassene Fest mit. Der in den 80er Jahren gestartete Versuch, Bhangra der englischen Bevölkerung näher zu bringen, ist offensichtlich gescheitert.

Individualität wider Tradition

Die Musiker des "Asian Underground" - der Einfachheit halber wird dieser Begriff hier verwendet - setzen sich andere Ziele. Seit einem knappen Jahrzehnt suchen sie den Durchbruch im "weissen" England und streben von ihren als Ghettos empfundenen Communities weg. Aus dem enormen musikalischen Angebot - der fernen elterlichen Heimat, der nahen Diaspora und der "Weltkultur" - mischen sie einen eigenen Sound. Cornershop etwa machen Rockmusik, ersetzen allerdings die Gitarre durch die Sitar; Talvin Singh synthetisiert traditionelle Tabla-Trommeln mit elektronischen Beats; Fun'da'mental schreien ihren Zorn und ihre Forderung nach einer gerechteren Welt - subito - mit ohrenbetäubender Punkmusik ins Publikum, zeigen mit den sanften Tönen eines pakistanischen Qawwali-Sängers aber auch Alternativen auf. Andere - zum Beispiel ADF - schreien mit Slogans wie "The Land ist ours" und "We have taken the Power" politische Anliegen ins Publikum. Sie zerschlagen Stereotypen (etwa "sanftmütige, friedvolle Asiaten") mit cooler, lauter oder aggressiver Musik. Ihr Motto: Asiaten sind keine exotischen Wesen. Sie machen Pop, Rock, Punk und elektronische Musik, ohne ihre kulturellen Wurzeln zu verleugnen. Erstes Fazit: Eine Verbindung zwischen den Protagonisten ist nur über Kriterien wie Hautfarbe, Herkunft oder Religion möglich und der Tatsache, dass die Musiker beinahe ausnahmslos das fehlende Selbstbewusstsein vieler Asiaten Grossbritanniens nicht hinnehmen wollen. Ein Phänomen, so Nitin Sawhney, das aus der kolonialen Geschichte Indiens herrührt: "Ohne sie wäre alles anders. Eurozentrismus und Arroganz der Engländer sind Schuld an unseren Minderwertigkeitsgefühlen. Seit den 80er Jahren wollen wir darüber hinweg kommen. Deshalb mache ich Musik. Musik hilft mir, meine Identität als asiatischer Brite zu finden."

"smashing stereotypes"?

Von der Theorie ins Leben. "Asian Underground" ist trendy. Gutes Geld ist zu verdienen, Ideale fliegen über Bord. Mai 2000, "Stoned Asia-Night" im Dogstar, Brixton. Unser altes Indien-Bild flimmert über die Wände: Unterernährte vor idyllischen Landschaften, das Übliche. Bobby Friction ist angewidert: "Immer wieder missbrauchen einige Musiker koloniale Bilder als Instrumente zum Erfolg. Wir sollten damit aufhören, das Klischeegefühl der Westler mit Exotischem zu untermauern. Heute leben wir auf dem Territorium unserer Kolonialmacht, Provokation ist unsere Aufgabe. Es gibt zwei Wege, Menschen zu überzeugen: entweder du lässt ihnen ihre Klischees oder du zeigst dem ehemaligen Unterdrücker die Faust."
Die CD-Verkäufe in Grossbritannien sind bescheiden - darüber täuschen die Erfolge auf dem europäischen Kontinent hinweg. "Britannien will keine asiatischen Popstars", ist zu hören. Musikindustrie und Medien seien rassistisch, nicht bereit für farbige Rollenmodelle. Quoten für Titelstories über asiatische Bands existierten bis heute. Johnny Kalsi, Trommler von Transglobal Underground und Afro Celt Sound System, lacht: "Ich könnte ein Sexgott sein. Mit Turban und Bart aber habe ich keinen Platz in der Hitparade." Dann streckt er mir sein Zungenpiercing entgegen. "Die weisse Band Kula Shaker erreichte mit asiatischen Sounds die Charts - no chance for an Asian mit demselben Stück. Die Hautfarbe zählt."
Schuld daran tragen die Protagonisten indes auch selber. Querelen zwischen Asian-Underground- und Bhangra-Musikern darüber, wer mehr für die eigene Kultur tue, verhindern Kooperationen. Asian-Underground-Musiker äussern sich süffisant über die "billigen Sounds" und "rückständigen asiatischen Festlichkeiten" der Bhangra-Welt, welche ihrerseits die Protagonisten des Asian Underground abschätzig als "Coconuts" - aussen braun, innen weiss - apostrophiert und des kulturellen Ausverkaufes bezichtigt. So bleibt der Asian Underground eine Bewegung ohne "Asian Followers" - das sagt nicht nur Mush, Rapper der Gruppe Fun'da'mental. Wer in Southall, Brick Lane oder Green Street nach Asian Underground fragt, stösst auf Unwissen: "Ist das eine neue U-Bahn-Station?" Allerdings scheint sich ein Wandel abzuzeichnen. "Nachdem ich auf einem asiatischen Radiosender Asian Underground gespielt hatte" - so Bobby Friction - "lief der Draht heiss: Die Kids wollten wissen, wo diese Musik zu kaufen sei. Dieses Unwissen also haben auch die asiatischen Medien zu verantworten, die uns noch immer keinen Platz einräumen."
Sanjeev ‚Coco' Varma, Leader der Gruppe Earthtribe, hätte ein Erfolgsrezept: "Wir müssen unsere Leute motivieren, unsere CDs in der City zu kaufen. Nur so kommen wir in die Hitparade." So simpel allerdings ist das nicht: Die Bhangra-Industrie lebt auch vom Verkauf von Raubkopien - selbst Asian Underground gäbe es unter dem Ladentisch für wenig Geld, verrät ein nicht genannt sein wollender Produzent. Warum also 15 Pfund in Virgin oder HMV ausgeben, anstatt fünf im Cornershop?

Anpassung als Überlebensstrategie

Was aber brächte ein Eingehen in den Mainstream? Führt der Popolymp nicht notgedrungen zu einer Verflachung der Musik, zu kurzfristigen Oberflächlichkeiten à la Lambada? Vor allem die jungen Asian-Underground-Musiker, die sich selber schon als Asian Overground bezeichnen, suchen den kurzfristigen Erfolg: die erste asiatische Rapperin Hardkaur, die Sängerinnen Amar und Shahin Badar zählen zu den Nachwuchshoffnungen und biedern sich einem vermeintlichen Massengeschmack an. Ein Teufelskreis: Asiaten haben ein Recht auf Mainstream; wie weit aber fördern sie damit das kulturelle Verständnis? Kommt die Assimilation einer Niederlage gleich? Oder aber haben die Musiker keine andere Wahl, als einen erfolgreichen Kampf um Gleichberechtigung von der Hitparade aus zu führen?
Klar scheint nur eines: Negieren die britisch-asiatischen Musiker ihre Eigenständigkeit, ihre persönliche Geschichte und ihre musikalischen Traditionen, wird nichts aus dem Traum von Bobby Friction: Statt einer kulturellen Vereinnahmung Englands durch asiatische Immigrantenkulturen werden deren Exponenten im angelsächsischen Mainstream untergehen; England wird nie Indien sein.
Friction will das nicht wahrhaben. Er nimmt die Künstler in die Pflicht, sie seien der Antrieb der Gesellschaft und dürften sich nicht hinter ihrer Kunst verstecken. "Fun'da'mental, Asian Dub Foundation, ich und andere brechen Stereotypen, bis wir sterben." Ich hoffe, Bobby Friction wird erfolgreich sein. Orient-Träumereien würden endlich attackiert, Klischees ironisch gebrochen, eine neue Sicht auf die Kultur des indischen Subkontinents gewonnen. Alles, was wir Westler bis heute aus der Kolonialzeit übernehmen, würde durch neue Realitäten, Inhalte und Leben ersetzt. Das Stereotyp "Indien = Farben, Gerüche und Religion" wäre abgeschafft.

Geschichte: Stigma Hautfarbe

1947 zog sich Grossbritannien als Kolonialmacht vom indischen Subkontinent zurück und gewährte ihren ehemaligen Mitbürgern bis 1962 freie Einwanderung. Der gewaltige Einwandererstrom aus dem ehemaligen Commonwealth und die nicht auf Integration und Assimilation ausgerichtete britische Immigrantenpolitik führte zu ethnischen Enklaven, Nischen- und Subkulturen; die Grosszahl der eingewanderten Pakistani, Inder und Bengalen liess sich in Aussenbezirken Londons - in Southall, Upton Parc, Brick Lane und Wembley - und in den Industriestädten der englischen Midlands nieder. Anders als in den schwarzamerikanischen Ghettos blieb jedoch eine mehr oder weniger starke Durchmischung mit der englischen Bevölkerung erhalten.

Solange die Einwanderer sich nicht in britische Angelegenheiten mischten und den ihnen zugewiesenen Tätigkeiten nachgingen, erwies sich das Nebeneinander verschiedenster Kulturen und Religionen als unproblematisch. Als die eingewanderten britischen Staatsbürger ihren Status zweiter Klasse nicht mehr akzeptieren wollten und den Anspruch auf Chancengleichheit - bessere Jobs und gleiche Ausbildungsmöglichkeiten - erhoben, änderte sich die Situation. Die dunkle Hautfarbe, die unaussprechlichen Namen sowie die andere Familienkultur stiessen plötzlich auf Abwehr und weckten diffuse Ängste; je dunkler ein Einwanderer, desto bedrohlicher erschien er. In den 80er Jahren herrschte in der englischen soziologischen Literatur die Meinung vor, der problematische Einwanderer sei eher der Schwarze als der Asiate, gemeinhin als "farbig" ("coloured") bezeichnet. Dies schütze diesen jedoch nicht vor Feindseligkeiten: Wenn junge Engländer, meist proletarischer Herkunft, von rassistischen Gefühlen gepackt würden, verprügelten sie eher schmächtige Asiaten als kräftige Schwarze: "Paki-bashing" hiessen und heissen solche geradezu ritualisierte Schlägereien. Die latente Fremdenfeindlichkeit bewegte 1995 sogar Prinz Charles zu einem Appell, von den Immigranten zu lernen, um damit England die Chance als Brückenbauer zwischen Orient und Okzident zu ermöglichen.
Der Appell hat wenig genützt: Diskriminierungen - nicht nur der "coloured" - gibt es bis heute. Die Bombenanschläge im Frühjahr 1999 im schwarzen Brixton und im bengalisch-jüdischen Viertel Brick Lane sind Warnsignale. Ihrer Hautfarbe wegen werden auch die Immigranten zweiter Generation kaum als gleichwertige Staatsangehörige akzeptiert. Der Status Quo ändert sich kaum. "Die koloniale Vergangenheit ist bis heute in Grossbritannien präsent", resigniert der britisch-indische Rapper Mush. In anderen europäischen Ländern seien die Menschen toleranter: "England hat ein wirkliches Problem - auch wenn immer behauptet wird, Faschismus und Rassismus grassierten im übrigen Europa. Hier sind alle mehr oder weniger rassistisch - eine Woche so, eine andere so." Und: "Die Engländer mögen zwar unsere Kultur, aber uns als Menschen nicht".

Thomas Burkhalter

Wir danken Thomas Burkhalter für die Erlaubnis seine Artikel bei Happyindia zu veröffentlichen!
Januar 2003

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