/Bhangra/Britannien will keine asiatischen Popstars!
"Britannien will keine asiatischen Popstars!"Indische, pakistanische und bengalische Musiker zweiter Generation in London von Thomas
Burkhalter
Asiatische Parallelwelt Ein Blick zurück: Jahrelang haben die asiatischen Immigranten Englands indische Kunstmusik, Hindi-Filmsongs (Bollywood), Light Ghazals, ins Hindi- oder Punjabi übertragene Lieder von Abba bis Madonna oder westliche Popmusik interpretiert und konsumiert. Bhangra - ursprünglich Volksmusik aus dem Punjab, geprägt durch die pulsierenden Rhythmen der Dhol-Trommel - kann als erste eigenständige kulturelle Weiterentwicklung der Einwanderer gesehen werden. Sie wird mit westlichen Musikelementen durchsetzt und nimmt neuste Strömungen auf: Bhangra Beat, Rock Bhangra, House Bhangra, Ragga Bhangra...
Gespielt wird diese Musik lediglich an privaten Partys und Hochzeiten, bleibt so in den asiatischen "Ghettos" - und das "weisse" England nimmt sie nicht wahr. Ihre Industrie aber blüht; Kassetten Hunderter von Bands werden in Mengen abgesetzt, die ihre Produzenten locker in die nationalen Charts hievten - würden die britischen Verkaufskanäle sie registrieren. Bhangra ist eine Schattenkultur, das erlebe ich im Oktober 99 beim Auftritt des erfolgreichen Panjabi MC im Londoner Club "The Complex". Ich fühle mich als Exote an einem asiatischen Event. Als einziger Weisser erlebe ich das ausgelassene Fest mit. Der in den 80er Jahren gestartete Versuch, Bhangra der englischen Bevölkerung näher zu bringen, ist offensichtlich gescheitert. Individualität wider Tradition Die Musiker des "Asian Underground" - der Einfachheit halber wird dieser Begriff hier verwendet - setzen sich andere Ziele. Seit einem knappen Jahrzehnt suchen sie den Durchbruch im "weissen" England und streben von ihren als Ghettos empfundenen Communities weg. Aus dem enormen musikalischen Angebot - der fernen elterlichen Heimat, der nahen Diaspora und der "Weltkultur" - mischen sie einen eigenen Sound. Cornershop etwa machen Rockmusik, ersetzen allerdings die Gitarre durch die Sitar; Talvin Singh synthetisiert traditionelle Tabla-Trommeln mit elektronischen Beats; Fun'da'mental schreien ihren Zorn und ihre Forderung nach einer gerechteren Welt - subito - mit ohrenbetäubender Punkmusik ins Publikum, zeigen mit den sanften Tönen eines pakistanischen Qawwali-Sängers aber auch Alternativen auf. Andere - zum Beispiel ADF - schreien mit Slogans wie "The Land ist ours" und "We have taken the Power" politische Anliegen ins Publikum. Sie zerschlagen Stereotypen (etwa "sanftmütige, friedvolle Asiaten") mit cooler, lauter oder aggressiver Musik. Ihr Motto: Asiaten sind keine exotischen Wesen. Sie machen Pop, Rock, Punk und elektronische Musik, ohne ihre kulturellen Wurzeln zu verleugnen. Erstes Fazit: Eine Verbindung zwischen den Protagonisten ist nur über Kriterien wie Hautfarbe, Herkunft oder Religion möglich und der Tatsache, dass die Musiker beinahe ausnahmslos das fehlende Selbstbewusstsein vieler Asiaten Grossbritanniens nicht hinnehmen wollen. Ein Phänomen, so Nitin Sawhney, das aus der kolonialen Geschichte Indiens herrührt: "Ohne sie wäre alles anders. Eurozentrismus und Arroganz der Engländer sind Schuld an unseren Minderwertigkeitsgefühlen. Seit den 80er Jahren wollen wir darüber hinweg kommen. Deshalb mache ich Musik. Musik hilft mir, meine Identität als asiatischer Brite zu finden."
"smashing stereotypes"? Von der Theorie ins Leben. "Asian Underground"
ist trendy. Gutes Geld ist zu verdienen, Ideale fliegen über
Bord. Mai 2000, "Stoned Asia-Night" im Dogstar, Brixton.
Unser altes Indien-Bild flimmert über die Wände: Unterernährte
vor idyllischen Landschaften, das Übliche. Bobby Friction ist
angewidert: "Immer wieder missbrauchen einige Musiker koloniale
Bilder als Instrumente zum Erfolg. Wir sollten damit aufhören,
das Klischeegefühl der Westler mit Exotischem zu untermauern.
Heute leben wir auf dem Territorium unserer Kolonialmacht, Provokation
ist unsere Aufgabe. Es gibt zwei Wege, Menschen zu überzeugen:
entweder du lässt ihnen ihre Klischees oder du zeigst dem ehemaligen
Unterdrücker die Faust." Anpassung als Überlebensstrategie Was aber brächte ein Eingehen in den Mainstream?
Führt der Popolymp nicht notgedrungen zu einer Verflachung der
Musik, zu kurzfristigen Oberflächlichkeiten à la Lambada?
Vor allem die jungen Asian-Underground-Musiker, die sich selber schon
als Asian Overground bezeichnen, suchen den kurzfristigen Erfolg:
die erste asiatische Rapperin Hardkaur, die Sängerinnen Amar
und Shahin Badar zählen zu den Nachwuchshoffnungen und biedern
sich einem vermeintlichen Massengeschmack an. Ein Teufelskreis: Asiaten
haben ein Recht auf Mainstream; wie weit aber fördern sie damit
das kulturelle Verständnis? Kommt die Assimilation einer Niederlage
gleich? Oder aber haben die Musiker keine andere Wahl, als einen erfolgreichen
Kampf um Gleichberechtigung von der Hitparade aus zu führen?
Geschichte: Stigma Hautfarbe 1947 zog sich Grossbritannien als Kolonialmacht vom indischen Subkontinent zurück und gewährte ihren ehemaligen Mitbürgern bis 1962 freie Einwanderung. Der gewaltige Einwandererstrom aus dem ehemaligen Commonwealth und die nicht auf Integration und Assimilation ausgerichtete britische Immigrantenpolitik führte zu ethnischen Enklaven, Nischen- und Subkulturen; die Grosszahl der eingewanderten Pakistani, Inder und Bengalen liess sich in Aussenbezirken Londons - in Southall, Upton Parc, Brick Lane und Wembley - und in den Industriestädten der englischen Midlands nieder. Anders als in den schwarzamerikanischen Ghettos blieb jedoch eine mehr oder weniger starke Durchmischung mit der englischen Bevölkerung erhalten.
Solange die Einwanderer sich nicht in britische Angelegenheiten
mischten und den ihnen zugewiesenen Tätigkeiten nachgingen, erwies
sich das Nebeneinander verschiedenster Kulturen und Religionen als
unproblematisch. Als die eingewanderten britischen Staatsbürger
ihren Status zweiter Klasse nicht mehr akzeptieren wollten und den
Anspruch auf Chancengleichheit - bessere Jobs und gleiche Ausbildungsmöglichkeiten
- erhoben, änderte sich die Situation. Die dunkle Hautfarbe,
die unaussprechlichen Namen sowie die andere Familienkultur stiessen
plötzlich auf Abwehr und weckten diffuse Ängste; je dunkler
ein Einwanderer, desto bedrohlicher erschien er. In den 80er Jahren
herrschte in der englischen soziologischen Literatur die Meinung vor,
der problematische Einwanderer sei eher der Schwarze als der Asiate,
gemeinhin als "farbig" ("coloured") bezeichnet.
Dies schütze diesen jedoch nicht vor Feindseligkeiten: Wenn junge
Engländer, meist proletarischer Herkunft, von rassistischen Gefühlen
gepackt würden, verprügelten sie eher schmächtige Asiaten
als kräftige Schwarze: "Paki-bashing" hiessen und heissen
solche geradezu ritualisierte Schlägereien. Die latente Fremdenfeindlichkeit
bewegte 1995 sogar Prinz Charles zu einem Appell, von den Immigranten
zu lernen, um damit England die Chance als Brückenbauer zwischen
Orient und Okzident zu ermöglichen. Wir danken Thomas Burkhalter für die Erlaubnis
seine Artikel bei Happyindia zu veröffentlichen! |

Londons
Inder, Pakistani und Bengalen - in Grossbritannien Asiaten - der zweiten
und dritten Einwanderergeneration gehen verschiedenste Wege: Während
die einen ihr Glück in abgeschotteten Communities suchen, zielen
andere auf einen Durchbruch in der "weissen" Welt. Als Szene
verstehen sich die britisch-asiatischen Musiker kaum - Querelen über
den Preis des kommerziellen Erfolges dominieren. Einblicke ins asiatische
London, in ein kaum fassbares Beziehungsgeflecht von Solidarität,
Intrige und Neid, Fusion und Konfusion. 
